Detroit: Der lange Weg nach unten

Motor City in Trümmern: Detroit: Der lange Weg nach unten

Weltstadt, Metropole automobilen Fortschritts, Zentrum der weltweiten Fahrzeugindustrie, das “Silicon Valley” der 20er Jahre – die besten Tage hat Detroit längst hinter sich. Heute kämpft die einstige Millionenstadt gegen stetigen Verfall, Kriminalität und wirtschaftliche Krisen.

Detroit, das war eine Erfolgsgeschichte des Industriezeitalters. Als Henry Ford im Jahr 1903 seine Ford Motor Company in der bis dahin bereits florierenden Hafenstadt an den Great Lakes gründete, legte er den Grundstein der amerikanischen Automobilindustrie.

Und die brachte neue Arbeitskräfte, frisches Geld und einen ansehnlichen Wohlstand in das aufstrebende Detroit. Bis in die 30er Jahre hatte die Autoindustrie nicht nur ihre eigene Infrastruktur errichtet, sondern um sie herum eine “Great American City” mit Wolkenkratzern, luxuriösen Anwesen und Film-Palästen. Detroit war die “City Of Champions” und stellte selbst New York, Philadelphia und Chicago in den Schatten.

Von 1900 bis 1950 wuchs die Bevölkerungszahl um das Achtfache – mehr als 1,8 Millionen Menschen lebten zu Detroits Blütezeit im Stadtgebiet. Alle großen amerikanischen Automobilhersteller hatten in der wirtschaftlich gut gelegenen Grenzstadt zu Kanada ihre Hauptquartiere und Fertigungsanlagen errichtet – General Motors, Chrysler und Ford, die “Big Three”, dominierten von Detroit aus den weltweiten Automarkt.

Tiefer Fall

Doch diese Zeiten sind heute längst vorbei: Seit 60 Jahren geht es nach unten mit Detroit – und obwohl spätestens seit 1970 große Bemühungen gemacht werden, der Stadt wieder auf die Beine zu helfen, will bisher kein Plan so recht aufgehen.

Was macht es Detroit also so schwer, sich von der krisengeschüttelten Autobranche zu lösen? Der Kollaps eines tragenden Industriezweiges haben auch andere US-Großstädte mitgemacht – und, anders als Detroit, überwunden: Chicago hatte mit dem Wegfall der Fleischindustrie zu kämpfen, Pittsburgh überlebte den Niedergang seiner Stahlverarbeitung und New York musste mit Großdruckereien, Stoffproduktion und Schifffahrtsindustrie gleich eine Reihe von geplatzten Blasen überstehen. Sie alle haben heute nicht einmal ansatzweise vergleichbare Probleme wie “Motor City”.

Galerie: Ruins Of Detroit

Auszug aus dem Bildband The Ruins of Detroit
(von Yves Marchand und Romain Meffre, www.marchandmeffre.com)

Verlockungen und Entäuschung

Ähnlich wie Chicago zog Detroit in zwischen 1915 und 1960 hunderttausende Immigranten an. Meist waren es unausgebildete, schwarze Arbeiter, die sich von der aufstrebenden Automobilindustrie lukrative Jobs erhofften. Lange Zeit wurden die Versprechen vom sicheren Job auch eingehalten.

Die Ankunft der vielen, schwarzen Zuwanderer erwies sich als wahres Pulverfass für Rassenkonflikte: Die weiße Arbeiterschicht hatte sich längst in Gewerkschaften zusammengeschlossen, was vor allem Henry Ford ein Dorn im Auge war. Er heuerte viele der frischen Arbeitskräfte an – was schließlich in den 30er Jahren zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen weißen “Streikenden” und schwarzen “Streikbrechern” führte.

Als nach dem zweiten Weltkrieg immer mehr Automobil-Werke auf Automatisierung setzten, fiel ein Großteil der Hilfsarbeitskräfte dem Rotstift zum Opfer. Ihre Jobs wurden von Maschinen übernommen – in den Fabriken war für tausende Schwarze über Nacht kein Platz mehr.

Detroit’s “Flucht der Weißen”

Für viele Einwanderer blieb Detroit jedoch nach wie vor anziehend: Zwar waren viele der Jobs weggefallen, doch gab es hier noch etwas anderes – ein großzügiges Wohlfahrtsprogramm.

1967 gipfelte die soziale Spannung zwischen Weiß und Schwarz in einer der schwersten Rassenunruhen in der Geschichte der USA: 43 Personen wurden getötet, 342 verletzt und 1.400 Gebäude durch Brandstiftung zerstört.

Das Resultat all dieser Faktoren war eine immer ausgeprägtere Ghetto-Bildung: Die weiße Bevölkerung zog zunehmend aus der Stadt in die Vororte – und mit ihnen der Großteil der lokalen Infrastruktur. Heute beträgt die Einwohnerzahl der Stadt Detroit nur wenig mehr als 900.000 – weniger als die Hälfte aus dem Jahr 1950.

Korruption und Maßnahmen ohne Wirkung

Jahrzehnte lang galt die politische Führung Detroits als korrupt und inkompetent – die, fast immer demokratischen, Stadtregierungen versuchten durch groß angelegte Subventionsmaßnahmen neues Leben in die Stadt zu hauchen. Die meisten der Programme zielten jedoch deutlich am eigentlichen Problem vorbei und waren kaum mehr als teure Prestige-Projekte.

Heute, mehr als 60 Jahre nach ihrem Zenit, hat Detroit kaum Anreize für potentielle Zuwanderer vorzuweisen: Ein öffentliches Verkehrsnetz ist quasi nicht existent – wieso auch, wer sollte in der Automobil-Metropole schon Straßenbahn oder U-Bahn benutzen. Es fehlt an renommierten Bildungseinrichtungen – ein Ergebnis der langjährigen Vernachlässigung von Kunst, Kultur und Bildung in der Stadt.

Crime Capital

Nicht viel besser ist es um die Sicherheit in Detroit bestellt: 2009 kamen auf 100.000 Einwohner 40 Morde (beinhaltet nicht Tötung aus Notwehr!), 37 Vergewaltigungen, 651 Raubüberfälle, 1.239 Körperverletzungen und 5.568 Diebstahlsdelikte. Im Morgan Quitno Städteranking wurde Detroit im Jahr 2007 sogar als “Most Dangerous City” der USA angeführt (2010 lag Detroit auf Platz 3 der gefährlichsten Städte).

Der Kampf gegen die Kriminalität hat mit dem amtierenden Bürgermeister Dave Bing immerhin erste Erfolge – nachdem die korrupten Polizeistrukturen erst zerschlagen und anschließend neu aufgebaut wurden.

Die Abwanderung des Großteils der Bevölkerung seit 1950 hat Detroit zur Geisterstadt gemacht – eine Millionenstadt, bewohnt von ein paar hunderttausend Bürgern. Die unzähligen leerstehenden Fabrikhallen, Wohnhäuser und Bürogebäude sind dem Verfall geweiht – es mangelt an Geld, selbst historische Bauwerke zu erhalten. Man beschränkt sich, sofern überhaupt, auf den Abriss verwahrloster Häuser.

Das Zentrum Detroits ist besonders stark von den leerstehenden Gebäuden betroffen: Hier steht fast jedes dritte Haus leer – viele davon jenseits jeder Möglichkeit auf Renovierung verfallen.

In den, wie die Grafik zeigt, meist von Afro-Amerikanern bewohnten Zentralbezirken von Detroit fehlt es an Geld. Das Einkommensniveau beträgt hier nicht einmal ein viertel dessen, was nur wenige Kilometer weiter außerhalb verdient wird. Das einzige “Business”, dass im Zentrum Detroits wirklich boomt, sind Armenküchen.

Detroits Bürgermeister Dave Bing vor einem Foto aus seiner aktiven Zeit als Profi-Basketballer

Der schwierige Weg zurück

Im April 2008 wurde ein 300-Millionen-Dollar starkes Wiederaufbauprogramm vorgestellt, das gezielt die drängendsten Probleme Detroits ansprechen soll. Der aktuelle Bürgermeister Dave Bing hat zusätzlich zu diesem “Stimulus Package” allerdings auch ein Budget übernommen, das vor roten Zahlen nur so strotzt. Und die Prognosen sehen nicht gerade rosig aus.

“Im Moment sind die Steuer-Einnahmen rückläufig – wir haben als jedes Jahr weniger Geld zur Verfügung,” so Bürgermeister Dave Bing. “Wir können die Stadt aber nicht wieder aufbauen, indem wir die Ausgaben ständig zurückschrauben.” Sparen ist dennoch angesagt: 20 Prozent der Ausgaben müssen eliminiert werden. Ohne massive Zuschüsse aus Washington wird sich Detroit jedoch nicht revitalisieren lassen. Steuererhöhungen schließt er auch nicht aus.

“Ohne Hilfe von außen, werden wir Detroit nicht retten können.”

Dave Bing, Bürgermeister von Detroit

Bing ist kein großer Freund der Gewerkschaften – davon gibt es in Detroit, der langen industriellen Tradition sei Dank, mehr als 50. Mit allen müssen Verhandlungen geführt und Löhne abgestimmt werden. “Viele Leute in Detroit denken, sie hätten einen Anspruch auf einen gewissen Status,” so Bing in Richtung der Gewerkschaften. “Ich denke, Detroits Bürger haben noch nicht endgültig verstanden, wie ernst die Lage wirklich ist.”

Keine leichte Aufgabe, die Dave Bing sich da gestellt hat – doch er ist, anders als viele seine politischen Vorgänger, aus Überzeugung bei der Sache. Der ehemalige NBA-Profibasketballer war bereits vor seinen politischen Ambitionen ein erfolgreicher Unternehmer und Multimillionär. Warum sucht Bing im Alter von 67 Jahren also scheinbar den Kampf gegen Windmühlen?

“Detroit ist die Stadt, die mein ganzes Leben geprägt hat – und ich denke, dass sie wieder groß werden kann.”

Dave Bing, Bürgermeister von Detroit

Um das zu erreichen, hat Bing einige nicht sehr populäre Schritte vor: Leerstehendes Gebäude, ja ganze Stadtteile, sollen dem Erdboden gleich gemacht werden um die Stadt wieder auf ein vernünftiges Maß zu schrumpfen und gleichzeitig auch Raum für neue Projekte entstehen zu lassen. Dazu ist er auch bereit, Leute zwangsweise in andere Stadtteile umzusiedeln.

Widerstand ist da vorprogrammiert – das weiß auch Dave Bing: “Das werden sicher die schwierigsten Gespräche meines Lebens sein.”



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