Der Außerirdische

Senna - Der Film: Der Außerirdische

Fragt man einen Brasilianer, an welchen Gott er glaubt, so sind das in der Regel elf. Die Götter der Seleção werden allerdings immer wieder neu besetzt. Gestern Ronaldo, heute Messi und morgen vielleicht Neymar – die brasilianischen Fussballgötter sind austauschbar. Die Nummer 12, ihren Nationalcoach, wünschen Brasilianer manchmal sogar regelrecht zum Teufel.

Dennoch gibt es ein Sportidol, das es bei seinen Landsleuten fast bis ganz hinauf zu den griechischen Göttern auf den Olymp geschafft hat, allerdings kein Fußballer sondern ein Rennfahrer – Ayrton Senna. Der dreifache Formel 1-Champion aus Sao Paolo genoss in Brasilien schon zu Lebzeiten Legenden-Status und rangierte bei seinen religiösen Landsleuten gleich nach dem Papst. Senna verkörperte eine für Brasilianer unwiderstehliche Mischung aus draufgängerischem Mr. Cool, charismatischem Rockstar und messianischem Superheld und wird in seiner Heimat sogar über eine Comicfigur verehrt. Das Benzin-getränkte Wunderkind wurde am 21.März 1960 in eine wohlhabende Familie in Sao Paolo hineingeboren, die das Jahrhundert-Talent in ihm adäquat zu fördern wusste.

Senna´s Motorsport-Weltkarriere begann wie bei vielen seiner Formel 1-Kollegen im Kartsport. 1981 zog es ihn zu den offenen Formel-Rennen und schon 1983 gewann er dort die Britische Formel 3. Sein Formel 1-Debüt gab Senna 1984 bei Toleman ehe er bereits im darauffolgenden Jahr bei Lotus-Renault ins Cockpit stieg, wo der ehrgeizige Jungstar gleich im ersten Jahr sechs Grand Prix gewann.

Brasilianische Flagge

1988 wechselte Senna zum Team von McLaren-Honda, wo er in seinem fünf Jahre älteren Teamkollegen Alain Prost auf den größten Rivalen seines Lebens traf. Die beiden Alpha-Tiere lieferten sich einen mit allen Mitteln geführten Psycho-Krieg um die Vormacht im Team und schreckten am Ende sogar vor roher Gewaltausübung im direkten Duell gegeneinander nicht mehr zurück.

Trotz dieses jahrelangen Nervenkrieges mit dem Franzosen schrieb der brasilianische Motorsport-Apostel mit dem gelben Helm ein beeindruckendes Kapitel ins Formel 1-Evangelium. In 162 Rennen stand Senna 80 mal auf dem Podium, 65 Pole-Positions und 41 Siege bereiteten den Weg zu seinen insgesamt drei WM-Titeln 1988, 1990 und 1991. Prost holte den Titel 1990 und 1993, in seiner letzten Saison schaffte es Senna nur auf Platz 2. Obwohl er in diesem Jahr lediglich fünf Rennen gewann, wurde 1993 die beste Saison seiner Karriere. Der Grand Prix im Mittelenglischen Donington Park war vielleicht sein allerbestes Rennen: In strömenden Regen überholte er im technisch unterlegenen McLaren bereits in der ersten Runde vier Gegner, dominierte das gesamte Feld bald nach Belieben und betonierte spätestens hier sein Image als Regengott der Formel 1 „The Magic“ in den hügeligen Rundkurs.

Am 1.Mai 1994, also vor nun ziemlich genau 17 Jahren starb Senna im Alter von nur 34 Jahren während des Formel 1-Rennens auf dem italienischen Grand Prix-Kurs von Modena in Führung liegend in der Tamburello-Kurve durch ein herumfliegendes Metallteil, welches seinen Helm durchschlug.

Obwohl es Rennfahrer mit mehr WM-Titeln gibt, wird Senna von zahlreichen Experten und Kollegen als der größte Formel 1-Pilot aller Zeiten bezeichnet.

1991 Formula 1 United States Grand Prix in Phoenix, AZ - by Stuart Seege

Anlässlich seiner Beerdigung säumten damals mehr als 3 Millionen Menschen die Straßen von Sao Paolo um dem wohl größten Sohn Brasiliens die letzte Ehre zu erweisen. Brasiliens Präsident Itamar Franco ordnete nach seinem Tod eine dreitägige Staatstrauer an und die Welt verneigte sich vor Ayrton Senna.

Zur Zeit seines Unfalls hatten sich die Formel 1-Piloten unter Senna als ihrem Führer eben erst zusammengerauft um für mehr Sicherheit in ihrer Sportart zu kämpfen. Sein Tod war ein Fanal. Leider erst dann kam vieles in Bewegung was vorher unmöglich schien, seit dem Unfalltod Senna´s ist aber kein anderer Formel 1-Fahrer mehr tödlich verunglückt.

17 Jahre nach seinem tragischen Tod kommt „Senna“ jetzt ins Kino. Die Dokumentation ist eine Co-Produktion des englischen Filmemachers Asif Kapadia und des Drehbuchautors Manish Pandey. Die beiden erzählen die wahre Geschichte über den kometenhaften Aufstieg eines brasilianische Asphalt-Virtuosen anhand von teilweise privatem Original-Material, welches unter anderem auch aus den Archiven von Senna´s Familie und von „Mr. Formel 1“ Bernie Ecclestone himself zusammengetragen wurde.

“I wanted to make it cinematic by giving him the classic three-act structure of the story: The ascendancy of the guy, his massive meteoric rise and then the third act about his death.” Manish Pandey (“Senna” Drehbuchautor und Executive Producer)


Senna Petersiana by Tom Rulkens Mittels vieler bisher unbekannter Szenen beleuchtet der Film den Weg Sennas an die Spitze der Formel  1 und seinen unermüdlichen Kampf gegen Autoritäten und für Gerechtigkeit und natürlich seine Bedeutung für das Brasilianische Volk, das ihn bis heute als seinen größten Helden verehrt. Der Film will aber mehr sein als eine blosse Dokumentation von Senna´s Leben. Obwohl sich die Macher mit neutralen Blickwinkel über 90 Minuten dem Phänomen Ayrton Senna annähern, zeichnen sie doch ein emotional packendes Porträt eines manchmal gnadenlos überehrgeizigen Rennsport-Genies.

“I really didn’t want to do a film about the death of Ayrton Senna because I thought it would really miss the point of him, even if the plan was to do three days at Imola with flashbacks.” Manish Pandey (“Senna” Drehbuchautor und Executive Producer)


“Senna” heißt übrigens auch eine Pflanzenart aus der Familie der Johannisbrotgewächse. Der überwiegend in den Tropen beheimatete Strauch erinnert durchaus an die gleichnamige Formel 1-Legende: mit seinen grünen Blättern und Blüten in sattem Gelb zeigt Senna Alexandrina unverholen die Farben der südamerikanischen Nation: Gelb und Grün wie die Flagge Brasiliens und…

…wie der Helm von Ayrton Senna.


Senna” – Ab 12.05.11 in ausgewählten Kinos