Das letzte Hurra

Porsche 911 GT3 RS 4.0 im Test: Das letzte Hurra

8:30 Uhr. Auf dem Asphalt der Rennstrecke liegt ein Hauch von Feuchtigkeit, die nur langsam von der wolkenverhangenen Sonne aufgetrocknet wird.

Und da steht er.

Der kompromissloseste 911er aller Zeiten.

Der Porsche 911 GT3 RS 4.0.

Ein paar Wassertropfen auf der Kühlerhaube lassen meinen, der GT3 hätte sich für unser Treffen erst aufwärmen müssen.

Zuviel der Ehre, mein guter GT3 – um dich ins Schwitzen zu bringen, fehlt mir die Erfahrung eines Rennfahrerlebens.

Der mechanische Klang beim Öffnen und Schließen der Fahrertüre überrascht – Porsches Tuning-Abteilung hat die werkseigenen Klang-Ingenieure wohl rechtzeitig aus der Werkstatt gejagt. Kein dumpfes, sattes “Umpf” – das Zuschlagen der Türe ruft Erinnerungen an meinen alten Opel Corsa ’87 hervor.

Der Innenraum: übersichtlich. Mein Wagen ist zumindest mit einer Klimaanlage ausgestattet – Puristen wählen beim Kauf natürlich die Option “Entfall Klimaautomatik” (wofür Porsche erstaunlicher Weise keinen Aufpreis berechnet…). Das ebenfalls vorhandene Radio und Navi-Modul lassen wir mal ausgeschaltet. Wer angesichts der Note des Endrohres an artifizielle Beschallung aus der Musikkonserve denkt, ist in diesem Fahrzeug fehl am Platz.


Wirklich interessant sind ohnehin nur vier Tasten: Traktionskontrolle OFF, ESP OFF, Fahrwerk auf SPORT, Auspuff auf SPORT LAUT!

Anlassen – erster Gang – langsam auf die Strecke rollen.

Schon auf den ersten Metern fühlt sich der GT3 anders an, als jede zivile 911er-Variante. Alles wirkt straffer, im manuellen 6-Gang-Getriebe hört man förmlich jedes Zahnrad werken. Die rennstrecken-taugliche Bereifung mit Alibi-Profilierung und das straffe, tiefe Fahrwerk lässt jedes Steinchen im Asphalt spüren.

Vollsensorischer Fahrer-Input – nicht unangenehm; informativ!

Das gedämpfte Brummen des Motors wird auf den letzten Metern der Boxengasse zum Sirenengesang – 3.000 Touren, der GT3 RS zerrt wie ein Hund an der Kette.

“Komm schon, tritt voll rein.”

Die 500 PS des Boxermotors lassen das Heck auf der ersten Geraden tanzen. Ganz ohne Turbolader – au naturel – holt Porsche aus dem 4-Liter-Aggregat 125 PS pro Liter Hubraum.  Jede noch so kleine Berührung des Gaspedals verwandelt der Motor unmittelbar in CO2 und Vortrieb. Brachial schiebt der 6-Zylinder im Heck die 1.435 kg Lebendgewicht in Richtung der ersten Kurve.

Noch ein paar Meter mehr.

8.500 Touren. Jetzt brüllt der GT3 RS 4.0 – ungehemmter als jeder andere Zuffenhausener. Waffenscheinverdächtige Akustik.

Erste Kurve – Apex – Was für ein Motor!

Chiropraktik-Sitzung und Tiefengewebe-Massage als die Bremsen greifen. Die Frage ob Motor oder Bremsen eigentlich beeindruckender sind, beantwortet der Kurvenausgang: Unglaublich kontrollierbar gleitet das Heck nach außen, gesteuert wird mit sanftem Gasfuß. Fühlt sich aber an wie Telepathie.

Messerschaft auch die Lenkung. Leichtes Untersteuern lässt den GT3 RS 4.0 fast schon gutmütig erscheinen – und sich mit einem Gasstoß unmittelbar kurieren.

Allzweckwaffe

Nach wenigen Runden vergisst man, dass man hier nicht in einem Rennwagen sitzt. All das hat beim GT3 RS 4.0 Straßenzulassung. Auf den Straßen der realen Welt, mit all ihren Temposchwellen, Schlaglöchern und Spurrillen, ist Porsches Leichtgewicht-Sportwagen genauso zuhause wie auf der Rennstrecke. Wenn man will, kann man ihn sogar ganz entspannt gleiten lassen.

Technische Daten erzählen, wie bei fast allen wirklich außergewöhnlichen Fahrzeugen, nur die halbe Wahrheit. Ja, es gibt stärkere Sportwagen, sogar stärkere Porsche. Ja, mit 310 Spitze ist er bei weitem nicht das schnellste Auto der Welt. Und Ja, das Preisschild von fast 179.000 Euro hat für die meisten wohl ein paar Nullen zuviel. Absatzschwierigkeiten sollte Porsche für die geplante Produktionsmenge von 600 Stück freilich keine haben.

Instant Classic

Was Porsche mit dem GT3 RS 4.0 gelungen ist, schaffen andere Automobilhersteller vielleicht ein, zwei Mal in ihrer Firmengeschichte: Ein perfektes Fahrzeug, das jedem Fahrer augenblicklich wohlige Schauer über das Rückgrat schickt. Selbst wenn einige Details, wie die Stoff-Schlaufen anstatt normaler Türgriffe, etwas übertrieben erscheinen – das Gesamtbild stimmt.

Und erst dieser Motor…

Was für ein Motor!

Leb wohl…

Nach einer knappen halben Stunde schwenke ich in die Boxengasse zurück. Schweißperlen auf der Stirn und ein Puls von 120 sind Indizien meines gesteigerten Adrenalinpegels.

Anhalten, Schlüssel umdrehen, Motor aus.

Während der 911er langsam tickend abkühlt, gönne ich mir eine Zigarette.

Was hier steht, ist der letzte Aufguss der aktuellen 911er-Reihe. Im Herbst wird die Modell-Generation “997″ von seinem Nachfolger abgelöst. Den Druck, ständig sparsamere Fahrzeuge und umweltfreundlichere Antriebskonzepte zu forcieren, spürt man auch im Raum Stuttgart. Ob Porsche das nochmal toppen kann – schwer zu sagen.

Im Weggehen noch ein Blick zurück.

Hier steht schon jetzt eine Legende.

 



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