My Little Ponycar

Chevrolet Camaro SS im Test: My Little Ponycar

Beim Chevrolet Camaro zieht GM wirklich alle Register: Fetter Motor vorne, Einzelradaufhängung hinten und ein massiver Marketing-Deal mit dem Transformers-Franchise um all das an den Kunden zu bringen. Doch zeigt dieses Pony Car wirklich seine Muskeln oder ist es nur dick aufgetragene Film-Requisite? Wir sind die verschärfte SS-Version des Camaro gefahren…

Als 1964 der erste Mustang von Band lief, war das der Beginn einer neuen Fahrzeug-Ära. Statt riesiger Abmessungen, ausladenden Heckflossen und wuchtigem Exterieur war der Mustang geradezu understated: Kompakt, gut motorisiert und vor allem ausgesprochen preisgünstig – das war das Rezept von Ford, dem die meisten anderen US-Automobilkonzerne bald nachfolgen sollten. Innerhalb weniger Jahre hatten so gut wie alle US-Marken ihre eigenen Mustang-Rivalen ins Rennen geschickt: Dodge Challenger, Pontiac Firebird, Plymouth Barracuda, Mercury Cougar, AMC Javelin und Chevrolet Camaro.

So unterschiedlich die einzelnen Fahrzeuge auch waren, eines vereinte sie: Viel Leistung, (für US-Verhältnisse) kompakte Form und günstiger Preis. Die Fahrzeugklasse der “Pony Cars” war damit geboren.

Rund 40 Jahre nach dem Debut des ersten Pony Cars ist die aktuelle Modellgeneration diesen Prinzipien treu geblieben – das Feld hat sich jedoch stark gelichtet. Neben dem Ford Mustang vertreten heute nur mehr die (erst vor wenigen Jahren wiederbelebten) Modelle Dodge Challenger und Chevrolet Camaro dieses Fahrzeugsegment.

Importierte Freiheit

Letzterem widmen wir nun unsere ganze Aufmerksamkeit: In den USA stark gelobt, ist der Camaro auch in Deutschland und Österreich zu haben. Vom billigen Preis ist nach Überstellung, Einfuhrzoll und obligatorischen Umbaumaßnahmen jedoch nicht mehr allzuviel übrig: Zwischen 38.000 und 42.000 Euro muss man für einen neuen Camaro SS hinblättern.

Das amerikanische Freiheitsgefühl beginnt für zentraleuropäischen US-Car-Enthusiasten also schon mal mit der Befreiung der auf dem eigenen Konto gefangenen Geldreserven…

Look at me!

Dezentes Auftreten ist wahrlich nicht die Stärke des Camaro. Das brachiale Design sieht aus, als wäre es auf einem militärischen Testgelände mit Hilfe von Dynamit und Vorschlaghammer von Bruce Willis entworfen worden. Könnte der Camaro Kleidung tragen, es wäre wohl ein blutverschmierter Wife-Beater.

Beim Einsteigen in den Camaro zeigt sich jedoch schnell, dass die gewählte Form der Ergonomie doch einige Kompromisse abverlangt: Die tiefgezogene Dachlinie sieht von Aussen zwar toll aus, die Rundumsicht liegt damit jedoch auf dem Niveau eines Panzers im Rückwärtsgang. Die Seitenfenster wirken aus der Fahrerperspektive gerade mal wie Sehschlitze.

Im Strassenverkehr hat man im Camaro daher ständig Angst, ein anderes Fahrzeug im toten Winkel zu übersehen.

Hubraum über alles

Diese Bedenken sind beim Drehen des Zündschlüssels freilich vergessen: Wenn der 6,2-Liter V8-Motor losblubbert, gehen Gedanken an Verkehrsicherheit sowieso erstmal über Bord.

Ein Blick auf die Mittelkonsole macht Freude: Neben allerlei Anzeigen für unterschiedlichste Vitalzeichen des Camaro ragt zwischen Fahrer- und Beifahrersitz etwas für US-Fahrzeuge nahezu exotisches empor – ein Schaltknüppel eines manuellen 6-Gang-Getriebes!

Bein Anfahren im ersten Gang zeigt sich jedoch, dass GM offenbar noch einiges in Sachen Benutzer-Interfaces lernen muss: Die Pedale sind viel zu weit von einander entfernt, der Kupplungspunkt ist geradezu katastrophal. Sanfte Schaltvorgänge sind hier wohl nicht vorgesehen.

Ein weitere “Katastrophe” hat auch das Getriebe vorzuweisen: Bei niedriger Drehzahl und gemächlichem Gasfuß lässt sich der Camaro SS vom 1. Gang nicht in den 2. Gang schalten – sondern nur direkt in den 4. Gang! Der Fahrer schaltet zwar vermeintlich vom 1. in den 2. Gang – die Mechanik des Schaltknüppels legt jedoch stattdessen den 4. Gang ein.

Diese – vermeintlich spritsparende – Funktion namens “Skip Shift” konnte sich bereits nach wenigen Minuten einen Platz in meiner persönlichen Hall of Fame automobiler Schwachsinnigkeiten sichern.

Mit einem 20-Euro-Bauteil (“Skip-Shift-Eliminator”) und 5 Minuten auf der Hebebühne lässt sich dieses unsägliche Feature immerhin ausknipsen.

Wüst und leer

Angesichts eines Importpreises von knapp 40.000 Euro ist das Interieur des Camaro SS beinnahe eine Frechheit: Hartplastik so weit das Auge reicht – im Interieur entdecken wir kein einziges Feature, das nicht verbesserungswürdig wäre. Selbst Tacho und Drehzahlmesser sehen billig zusammengeschustert aus.

Wenigstens dringt durch die stark getönten Seitenscheiben so wenig Licht, dass den Passagieren im Camaro SS dieser Anblick in Ermangelung adäquater Illumination großteils erspart bleibt.

Nachhilfe in Sachen Kurvenfahrt

Lässt sich das Fahrwerk des aktuellen Mustang problemlos von jedem Amish-Mechaniker warten, hat GM dem Camaro “neumodischen Handling-Schnickschnack” wie Einzelradaufhängung an der Hinterachse spendiert.

Eine durchaus erfreuliche Entscheidung, sind hierzulande gerade Strassenstücke ja bekannterweise durch eine europäische Erfindung miteinander verbunden: Kurven. Allzu forsch sollte man besonders enge Kurven trotzdem nicht angehen – das Fahrwerk des Camaro SS kann mit gängiger Technik aus “Old Europe” nicht mal ansatzweise mithalten.

Das Fahrverhalten kann sich in Sekundenbruchteilen von massivem Untersteuern zur Heckschleuder wandeln – berechenbares Driften verlangt echtes Fingerspitzengefühl. Schade nur, dass die indirekte Lenkung hier kaum Hilfe leistet…

Um den Camaro SS zu sportlichen Richtungsänderungen zu bewegen, muss man ihn förmlich in jede Kurve “ringen”. Zu weich, zu träge, zu behäbig – das kann selbst der 432 PS starke Motor mit 570 Nm Drehmoment nicht ausgleichen.

Wie massiv das Handling-Defizit des Camaro SS ausfällt, zeigte sich während unsere Testfahrten auf den kurvigen Landstraßen Niederösterreichs: Nur mit allergrößter Mühe (und einigen Nahtoderfahrungen) konnten wir einem 320er BMW folgen.

Wehe wenn er losgelassen

Eines kann der Camaro SS dann aber doch richtig gut: Speed. Auf der Geraden lässt der Ami nur Wenige an sich herankommen. Aus dem Stand zeigt der Tacho nach 4,8 Sekunden Tempo 100. Nicht schlecht, für ein Fahrzeug, das gut 1,7 Tonnen auf die Waage bringt.

Das Beste dabei: Der Camaro SS untermalt den Einsatz des Gaspedals gleich mit dem passenden Soundtrack. Einen Teil der 17 Liter auf 100 km, die sich der Camaro SS während unserer Testfahrten gönnte, geht wohl für den Unterhalt des fulminanten V8-Orchesters drauf.

Ausserhalb der Comfort-Zone

Selten sorgte ein Fahrzeug während eines Tests für soviel unterschiedliche Eindrücke: Das Design polarisiert, das Interieur wirkt lieblos, der Motor begeistert, das Handling enttäuscht.

In Amerika mag der Camaro SS als Cruiser absolut Sinn machen – hierzulande wirkt das GM-Pony Car schlicht fehl am Platz. Overstyled und underengineered bewegt sich der Camaro SS auf Europas Landstraßen deutlich ausserhalb seines natürlichen Habitats.

Und das merkt man ihm leider auch an.



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