Gone in 60 seconds

Der verschollene Fuhrpark des Gaddafi-Clans: Gone in 60 seconds

Der Umsturz in Libyen hat ein neues Licht auf das einst sagenumwobene Leben des steinreichen Gaddafi-Clans geworfen. Nachdem im August die Rebellen die Kontrolle über die Hauptsadt Tripolis übernommen hatten wurde auch die einst streng abgeschirmte und von meterhohen Betonmauern umgebene Gadaffi-Residenz Bab al-Asisija im Zentrum von Tripolis gestürmt. Spätestens jetzt zeigte sich, dass der libysche Staatschef wie so viele andere vor ihm auch Wasser gepredigt und Wein getrunken hat. Seine rund sechs Quadratkilometer große Residenz war mit materiellen Luxusgütern aller Art bis zur Decke angefüllt, öffentlich war der Westen von Gaddafi hingegen regelmässig verunglimpft worden.

Die Rebellen haben nicht lange gefackelt und sämtliche nicht niet-und-nagelfeste Wohlstands-Insignien des gestürzten Dikators davon getragen. Hierzu zählte natürlich auch der ganz private und bislang streng geheim gehaltene Fuhrpark des Clans.

Gaddafis Söhne Saif al-Arab und Al-Saadi waren allerdings schon in der Vergangenheit regelmässig mit ihren deftig gepimpten Rapper-Cars in die Schlagzeilen geraten. In der Garage vor Saif al-Arab´s Studentenbude in München Grünwald parkten etwa ein schwarzer Hummer H2, ein weisser Cadillac Escalade mit vergoldeten Felgen und Türgriffen, ein silberfarbener Mercedes SLR McLaren, ein schwarzer Ferrari F430 und einem schwarzer Bentley GTC. Auf die PS-Toys von Saif al-Arab freut sich nun wohl die deutsche Justiz, die damit die rund 900.000 € Schulden des lybischen Wüstensohns bei deutschen Gläubigern tilgen will. Die Autos vom Anwesen seines Bruders Al-Saadi in Tripolis waren noch schneller weg, so gibt es nicht einmal Fotos davon.

Beschlagnahmter Fuhrpark von Saif Al-Islam in München
 

Eine Gruppe Rebellen hatte sich gleich nach der Erstürmung der Residenz an den beiden gepanzerten 5er BMWs von Al-Saadi zu schaffen gemacht – beide dunkelblau und mit weissen Ledersitzen. Die gut ausgerüsteten BMW waren als erstes weg. Einer fuhr mit dem weissen Lamborghini davon – wir vermuten einen Gallardo wie der gelbe auf dem Gemälde an der Garagenwand – und ein unbekannter Rebell krallte sich schließlich noch den Toyota Landcruiser.

Unbestätigten Gerüchten zufolge steht irgendwo in Mailand auch noch ein lilafarbener Bugatti Veyron EB 16.4 von Al-Saadi. Es ist nicht bekannt, was mit dem rund 1,7 Mio € teuren Supercar geschehen ist.

Wie seine Söhne so liebte auch Muammar Al-Gaddafi Opulenz und Extravaganz, was er nach außen vor allem über seine bizarren Phantasieunformen auslebte. Als Petrol-Head ist Gaddafi selbst jedoch nicht in Erscheinung getreten. War der Revolutionsführer im Auto unterwegs, dann war er vielmehr immerzu besorgt um die eigene Sicherheit.

Bei seinen Staatsbesuchen inszenierte sich der „König von Afrika“ mit einem mächtigen Hofstaat, der natürlich auch sein Bedürfnis nach Sicherheit befriedigte. Bei seiner Visite in Südafrika im Jahr 2002 wurde Gadaffi angeblich von einem Konvoi aus rund 60 gepanzerten Fahrzeugen und zwei Reisebussen geschützt, in denen alles in allem 400 bis an die Zähne bewaffnete Leibgardisten sassen.

Wo immer sein Konvoi auftachte, brach sogleich das lokale Mobilfunknetz zusammen. Dank eines leistungsstarken Störsenders in einem der Fahrzeuge wurden sämtliche elektronische Funksingnale in der unmittelbaren Umgebung unterbrochen. Aber auch bei seinem Besuch im bestens geschützten Rom 2010 umfasste der Gadaffi-Konvoi noch immer 36 Fahrzeuge.

Mercedes W140 Stretch Limousine in Rome & in Paris
 
Im Gegensatz zu den meist in schwarz gehaltenen Limousinen hochrangiger Politiker des Westens wurde Gaddafi in einer weissen Mercedes-W140-Stretch-Limo durch die Strassen Roms kutschiert. Weiss passte natürlich perfekt zur Selbstwahrnehmung des sendungsbewussten Revolutionsführers, gilt sie doch als die vollkommenste aller Farben und steht für Reinheit und Unschuld, Bescheidenheit, Wahrheit, das Ideale und Klugheit.

Abgesehen von deren Nutzen zur bildgewaltigen Selbstinszenierung interessierte sich Gaddafi offensichtlich aber eher mässig für hochgezüchtete Autoexoten. Der hellblaue VW Käfer, mit dem Gaddafi in den 60ern noch alleine durch Tripolis fuhr um Flugblätter gegen die libysche Monarchie zu verteilen, hatte bis vor kurzem sogar einen eigenen Platz im Jamahiriya Nationalmuseum.

Gaddafi´s VW Käfer aus den 60ern - Ein Nationales Heiligtum
 
Im August 2009 gelang Gaddafi allerdings ein perfekter PR-Coup. Zum 40. Jahrestag der Revolution enthüllte der libysche Staatschef in Tripolis zwei avantgardistische Auto-Prototypen. Der Saroukh el-Jamahiriya – auf Englisch „The Rocket“ – war laut offizieller Sprachregelung eine bahnbrechende Erfindung und nichts weniger als die in Blech geschmiedete Zukunftsvision Gadaffis vom sichersten Auto der Welt.

Weil seinerzeit auf den Strassen Libyens so viele Unfälle passierten, war der Colonel gezwungen gewesen höchstpersönlich einzugreifen um eine neue Benchmark in der Geschichte des Automobils zu setzen. Die als ein Zwitter aus Rennboot und Rakete geformte Limousine war mit libyschem Geld finanziert und von der kleinen italienischen Konstrukteursfirma Tesco TS gebaut worden.

The Lybian Rocket 2009
 
Die devoten Italiener hatten ganze Arbeit geleistet und die Vision des Revolutionsführers praktisch 1:1 umgesetzt und dabei nach offizieller Verlautbarung ausschließlich Materialien aus libyscher Herkunft verwendet. Der Innenraum des 5,5 m lange Rocket war mit hellem Leder und libyschen Teppichen ausgekleidet. Von vorne erinnerte die libysche Autorevolution ein wenig an einen aufgeplusterten Honda Civic. Im Gegensatz zum gestalterisch arg überfrachteten Design arbeitet unter der Haube ein konventioneller, 230 PS starker V6. Die Prototypen waren jeweils in symbolträchtigem Weiss und Grün lackiert – den Farben der Libyschen Revolution.

Der Innenraum war vollgestopft worden mit Airbags, es gab ein eingebautes elektronisches Abwehrsystem und prallarbsorbierenden Stoßfänger, die die Passagiere im Falle eines Frontalaufpralls zusätzlich schützen sollten. Das ganze erinnerte alles ein wenig an James Bond. Naheliegend, dass Lybien angeblich sogar bei der englischen Produktionsfirma der Film-Reihe angefragt hat, ob man sich den Wagen für ein neues Bond-Sequel ausborgen wolle.

Dukhali Al-Meghareff, seinerzeit Vorsitzender bei Libyan Arab Domestic Investment, die den Bau des Prototypen finanziert hatten, erwähnte die vielen 1000 Stunden, die der Revolutionsführer persönlich in die Entwicklung dieses Autos investiert hatte, um in Zukunft menschliches Leben überall auf dem Planeten besser schützen zu können.

Gaddafi und Chavez - Probesitzen im Saroukh el-Jamahiriya-Prototyp 2009
 
Der provokante Name des Autos sollte vielmehr betonen, dass andere Staaten Raketen bauten um Menschen zu töten, im Gegensatz dazu Lybien aber Raketen für friedfertige Zwecke verwendete.
Autobild meldete noch 2009 eine geplante Serienfertigung des Rocket von bis zu 500 Stück am Tag, die in einer ehemaligen Daewoo-Fabrik in Tripolis aufgelegt werden sollte für rund 50.000 € pro Stück – natürlich ohne das nur in Gadaffis Exemplar eingebaute militärische Abwehrsystem.

Zu einer Serienproduktion ist es aber wohl nie gekommen. Unklar ist, wo die beiden Prototypen verblieben sind und ob sie überhaupt noch existieren.

Nicht erst seit der bizarren Wutrede Gadaffis im Februar diesen Jahres im Zuge des anschwellenden Volksaufstandes, die erst im lybischen Fernsehen und dann auf allen TV-Sendern weltweit zu sehen war, ist die Vorliebe des Despoten für Golf Carts bekannt. Der beigfarbene Autozwerg, aus dem Gaddafi heraus mit Pudelmütze bekleidet und Regenschirm fuchtelnd die Rebellenarmee beschimpfte, war ein Golf Buggy Modell Precedent der US-amerikanischen Firma Club Car. Man darf annehmen, dass sich die kleinen Elektromobile wohl auch als recht praktisch erwiesen bei der Fahrt durch das kilometerlange Stollensystem unter Gaddafis Privat-Residenz.

Ein anderes Auto-Unikat aus dem Fuhrpark des libyschen Potentaten hat die Wirren des Bürgerkrieges bislang noch unbeschadet überstanden.

Beim Plündern der Gaddafi-Residenz entdeckten die Rebellen auch den jüngsten Autotraum des Diktators und entwendeten ihn aus der Garage. Herausfahren konnten sie ihn allerdings nicht, offensichtlich war die Batterie leer gewesen. An und für sich kein Drama, aber dieses Auto war eines dieser neumodischen Elektroautos.

Fiat 500 Castagna EV Cabriolet
 
Jetzt haben die Rebellen einen Preis auf den Kopf Gaddafis ausgesetzt, die Belohnung ist eben dieses Fiat 500 Castagna EV Cabriolet, das der Diktator im Juni 2009 über einen Zwischenhändler bei Castagna in Mailand erworben hatte. Der Fiat wurde mit einer Reihe von Extras wie Zweiton-Lackierung in schrillem froschgrün und goldmetallic, cremefarbenen Leder-Interieur, Holzdekor und 17 Zoll-Alus ausgestattet. Ein 46 PS starker Elektromotor beschleunigt den italienischen Autozwerg auf 160 km/h Spitze und kommt mit den an Bord verbauten Lithium-Ionen-Batterien pro Ladung bis zu 260 Kilometer weit. Interessanterweise wurde das Fahrzeug mit einem Schnellladesystem bestellt, das die komplette Wiederaufladung des Batteriespeichers in nur 10 Minuten ermöglicht.

Es heißt, der kleine Elektro-Fiat sei Gaddafis Lieblingsauto gewesen. Für die Flucht des Clans durch die endlos weite libysche Sandwüste erwiesen sich die guten alten Toyota Landcruiser schlußendlich wohl als die bessere Wahl.