Das China Syndrom

Rekordwachstum & Rekord-Unfallzahlen: Das China Syndrom

Seit 2009 ist China der größte Automobilmarkt der Welt. Mit traumhaften Wachstumsquoten von 30 Prozent und mehr zog die Volksrepublik Ende der 2000er-Jahre an der Auto-Supermacht USA vorbei.

Der Fahrzeugbestand in China kratz mit derzeit knapp über 90 Millionen gerade mal an der Oberfläche: Angesichts einer Bevölkerungszahl von mehr als 1,34 Milliarden hat der chinesische Automarkt noch viel Luft nach oben.

China ist anders

Was westliche Automobilhersteller schnell lernen mussten: In China ticken die Uhren anders. Nahezu jedes in China verkaufte Fahrzeug-Modell muss vom Hersteller auf die besonderen Bedürfnisse der Käuferschicht angepasst werden. Und nicht nur das: Die chinesische Regierung stimmt dem Verkauf eines Fahrzeugs nur zu, wenn dieses in einem Joint-Venture zusammen mit einem chinesischen Autohersteller produziert wird. Vor allem letztere Auflage hat dafür gesorgt, dass selbst Branchengiganten wie Fiat lange Zeit dem chinesischen Markt fern geblieben sind (erst Mitte 2012 wird der italienischen Autokonzern Modelle auch in China anbieten).

Was den chinesischen Markt weiter kompliziert, ist ein Phänomen im Kundenprofil: Während für ältere Fahrzeugkäufer Markenprestige (25%) und Performance (22%) nahezu ausschließliche Kaufentscheidungskriterien sind, legen jüngere Kunden ihre Schwerpunkte völlig anders. Die wichtigsten Kriterien sind hier Sicherheit (54%) und Styling (47%).

Auch bei der Ausstattung der Fahrzeuge unterscheidet sich China deutlich von anderen Automobilmärkten. Die laut einer aktuellen Nielsen-Studie meistbegehrten Ausstattungsfeatures sind Navigationsgeräte, Kollisionswarner und Nachtsichtgeräte (!).

Heimische Marken im Kommen

Noch finden sich unter den 20 meistverkauften Fahrzeugmodellen nur fünf Exemplare chinesischer Marken (siehe Grafik links). Europäische und US-Amerikanische Autokonzerne sind derzeit noch klare Marktführer in China. Dieser Trend scheint sich allerdings mittelfristig umzukehren: Angekurbelt durch Joint-Ventures mit ausländischen Autoherstellern können chinesischen Produzenten risiko- und kostenfrei ihre eigenen Montageanlagen ausbauen und Know-How sammeln.

Galerie: Meistverkaufte Automodelle in China

Gepaart mit der mehr als laschen Patent- und Urheberrechts-Politik Chinas bereitet das vielen Autoherstellern ohnehin schon einiges Kopfzerbrechen – schon seit Jahren sind chinesischen Automarken berüchtigt für ihre Kopien westlicher Fahrzeugmodelle.

Im internationalen Vergleich der 10 größten Automärkte wirkt die Dominanz von China überwältigend. Von den Wachstumszahlen der vergangenen Jahre ist China jedoch weit entfernt: Gerade einmal 3 Prozent konnte der Fahrzeug-Absatz gegebnüber dem Vorjahr gesteigert werden.

“Made in China” als Gütesiegel

Dieser Trend hat Chinas Regierung dazu veranlasst, seine Liste der Automobilhersteller, aus deren Portfolios sich Regierungseinkäufer bedienen können, zu überarbeiten: Seit 2012 findet sich hier kein einziger nicht-chinesischer Hersteller! Die bisherige Liebesaffäre mit Audi hat China damit wohl einseitig beendet.

Auch wenn es derzeit noch nicht vollends bei den meisten Nachrichtenmedien angekommen ist: Für Audi ist der Verlust des chinesischen Regierungsmarktes eine mittlere Katastrophe. So absurd es klingt: Laut Chinas Finanzprüfungsbehörde (CNAO) wurden 2011 fast die Hälfte aller Regierungsausgaben für Anschaffung und Unterhalt von Automobilen verwendet – die meisten davon von Audi.

Begleitet wird diese Trendwende mit einer “Kauft Chinesisch”-Kampagne, die Konsumenten zum Kauf chinesischer Produkte bewegen soll.

Chaos auf Chinas Straßen

Obwohl sich angesichts der Größe des Landes 90 Millionen Fahrzeuge eigentlich recht gut verteilen müssten, hat China ein Verkehrsproblem. Und zwar ein gewaltiges. Fast 90 Prozent aller Automobile befinden sich in Ballungszentren. Die Infrastruktur der Städte ist auf das massiv gestiegene Fahrzeugaufkommen nach wie vor schlecht bis gar nicht vorbereitet.

Besonders dramatisch ist die Situation in der chinesischen Hauptstadt Peking: Auf 22 Millionen Einwohner kommen hier rund 5 Millionen Automobile. Noch bis 2010 kamen täglich rund 5.000 neue Fahrzeuge hinzu – ein Ansturm, dem das Straßennetz nicht gewachsen ist.

Mit 2011 begrenzte die Stadtregierung von Peking die Zahl der ausgegebenen Nummernschilder, um das Problem nicht noch weiter eskalieren zu lassen. Dem alltäglichen Verkehrsinfarkt auf Pekings Straßen hat das allerdings kaum Linderung verschafft. Nach Mexico City belegt Peking (zusammen mit der chinesischen Stadt Shenzen) Platz zwei im weltweite Stau-Ranking (Quelle: IBM Global Commuter Pain Study).

Verkehrsregeln?

Mit ein Hauptgrund für das Chaos auf Chinas Straßen ist die freie Interpretation von Verkehrsregeln: Fußgänger queren praktisch bei jeder Verkehrssituation die Straße, Geschwindigkeitslimits werden gemeinhin als “so schnell wie möglich” angesehen und rote Ampeln signalisieren vielen Autofahrern statt “Anhalten” lediglich “langsam vorpirschen, dann schnell drüber”.

Mit 2011 haben chinesische Behörden der goben Missachtung von Verkehrsregeln zwar den Kampf angesagt, bislang hat sich die Situation auf den Straßen chinesischer Großstädte aber kaum gebessert – was sich schließlich auch in der Unfall-Bilanz des Landes niederschlägt.

Glaubt man den offiziellen Zahlen, hat China den wachsenden Verkehr – und die damit steigende Unfallgefahr – gut im Griff: Rund 65.000 Menschen sollen 2011 bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen sein. Im Vergleich zu anderen automobilen Entwicklungsländern eine regelrechte Sensation!

Das Problem dabei: Die Zahlen stimmen nicht einmal ansatzweise.

Anfang der 2000er Jahre führte die Chinesische Zentralregierung angesichts explodierender Opferzahlen bei Verkehrsunfällen eine Reihe von Gesetzesänderungen durch, die sich in vielen anderen Industrienationen bereits bewährt hatten: Geringere Geschwindigkeitslimits, standardisierte Verkehrszeichen, vereinheitlichte Ausbildung und Prüfungen für Führerscheinneulinge. Mit der Umsetzung und Kontrolle dieser neuen Verordnungen wurden die lokalen Behörden betraut. Und die wollten die kommunistische Führung klarer Weise nicht enttäuschen: So wurden – bereits seit 2002 – alljährlich sinkende Zahlen aus fast allen Teilen des Landes gemeldet, obwohl die Zahl der Verkehrstoten jedes Jahr erneut anstieg.

Nach wenigen Jahren klafften reale und offiziellen Daten bereits mit ein Vielfaches auseinander: Im Jahr 2009 standen offiziellen Zahlen von 67.000 Verkehrstoten eine WHO-Studie gegenüber, die die Zahl der im Straßenverkehr getöteten mit 220.000 angab.

Der chinesischen Regierung können derart geschönte Zahlen unmöglich recht sein. Ohne eine fundierte Kenntnis der tatsächlichen Situation ist es ausgesprochen schwierig, durch neue Maßnahmen gegenzusteuern. Das Problem ist jedoch hausgemacht: Polizeikommandanten werden mit Prämien belohnt, wenn sie Unfallzahlen reduzieren – und das tun sie…

Das starre politische System in China erlaubt es nicht, die offiziell anerkannten Statistiken zu hinterfragen, und Polizei und Behörden fürchten mit Konsequenzen und Strafaktionen, sollten sie plötzlich massiv steigende (aber korrekte) Zahlen melden. Ein Teufelskreis, aus dem es nur schwer zu entkommen sein wird…

Vergleicht man die Zahl der (von der WHO geschätzten) Verkehrstoten mit der Einwohnerzahl Chinas, sieht das ganze schon wieder etwas rosiger aus. Mit einer Todesrate von 16.8 Toten pro 100.000 Einwohnern liegt China im internationalen Durchschnitt nicht mal schlecht. Viele andere Nationen mit stark wachsendem Automobilverkehr liegen um die 20 Tote pro 100.000 Einwohner.

Ein vernichtendes Zeugnis stellt jedoch der Vergleich zwischen Verkehrstoten und zugelassenen Fahrzeugen dar: Die Opferzahlen sind hier mehr als 20-fach höher, wie in westlichen Industrienationen.

 



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