Arabischer Frühling

Auto-Artistik mit Mietwagen: Arabischer Frühling

Die arabische Welt wird im Westen heutzutage auf seine Rolle als Exporteur von drei Gütern reduziert: Erdöl, radikaler Islamismus und YouTube-Videos die mit “Saudi Drifting“, “Tafheet” oder “Hajwalah” betitelt sind (meist mit Beiworten wie “Crazy“, “Unbelieveable” und/oder “Crash” versehen).

Was arabisches Driften vom Querfahren im Rest der Welt unterscheidet, ist primär die Wahl der Strecke: Statt langgezogener Powerslides durch Kurven sieht man bei der saudischen Drift-Variante Fahrzeuge, die auf gerader Strecke Schlangenlinien fahren und dabei das Heck möglichst weit über den Fahrbahnrand hängen lassen. “Tanteel” nennt sich dieses Manöver, das gegen Ende eines Runs meist mit einem “Ta’geed” abgeschlossen wird: Hierbeivollführt das Fahrzeug durch “kontrolliertes” Schleudern ein oder mehrere 360-Grad-Drehungen.

Doch das ist nicht der einzige Unterschied. Hat klassisches Driften bereits den Sprung in den Mainstream-Motorsport geschafft, steht das bei Tafheet nicht auf dem Programm.

Ohne Perspektive

Die arabische Stilrichtung des Driftens ist nicht so sehr Ausdruck automobiler Leidenschaft, als das Produkt einer nahezu vollständig spaßbefreiten Gesellschaft, in der sich die Jugend buchstäblich zu Tode langweilt. Offiziell liegt die Quote der Arbeitslosen in Saudi Arabien um die 10 Prozent – lokale Banken schätzen den Wert jedoch weitaus höher und rechnen mit bis zu 25 Prozent. Die hohe Arbeitslosenzahlen scheinen in krassem Widerspruch zum hohen Wirtschaftswachstum zu stehen – doch das hat Saudi Arabien primär ausländischen Investoren zu verdanken, die in der Regel ihre Belegschaft gleich mitbringen.

Um das brodelnde Arbeitslosenheer zu beschwichtigen, zahlt die Saudische Familie ein vergleichsweise üppiges Arbeitslosengeld. Die Perspektiven der jungen Arbeitssuchenden sind dennoch schlecht: Trotz Gesetzen zur “Saudisierung” ausländischer Firmen steigt die Arbeitslosenquote stetig. In Saudi Arabien droht eine ganze Generation junger Männer in Arbeitslosigkeit und Langeweile zu versinken.

Jede Form der Ablenkung – und sei sie noch so gefährlich – kommt da gerade recht.

Death by Drifting

Unfälle sind bei den – fast immer illegalen – Tafheet-Events an der Tagesordnung. Kein Wunder, driften die Fahrer hier doch auf öffentlichen Straßen quer durch den Verkehr. Wenn es kracht, dann richtig: Die Zuschauer stehen – ohne Absperrungen gesichert – einfach so am Straßenrand, die Drifter und ihre 3-4 Passagiere sind so gut wie nie angeschnallt. Diese Praxis schlägt sich in der Unfallstatistik nieder: Schätzungen von Arab News zufolge sterben täglich 1 bis 2 Menschen bei “Tafheet”-Unfällen (insgesamt gibt es in Saudi Arabien pro Tag im Schnitt 17 Verkehrstote).

Den Glanz und Flair von westlichen und japanischen Drift-Events strahlt Tafheet nicht aus. Es ist der Sport der arabischen Unterschicht – und der wohl einzige “Motorsport” überhaupt, der vorwiegend mit Mietwagen gefahren wird.

 

Drakonische Strafen

Den Behörden in Saudi Arabien ist Tafheet seit langer Zeit ein Dorn im Auge – statt die Wurzel des Problems zu bekämpfen, oder der Jugendbewegung eine legale Plattform zu geben, wird mit massiver Strafandrohung reagiert: Wer beim Driften einen Unfall mit Personenschaden verursacht, sieht einer Mordanklage und damit der Todesstrafe entgegen.

 

Doch warum gehen die Drifter diese gewaltigen Risiken ein? Was bewegt sie dazu, immer wieder ihr Leben und das anderer für einen kurzen Kick und vermeintlichen Respekt auf’s Spiel zu setzen? Die Antwort, die dazu fast jeder Drifter geben wird lautet “Tufush” – ein umgangssprachlicher Ausdruck, der die Gefühlslage der jungen Männer beschreiben soll. Eine eindeutige Übersetzung dieses Wortes kennen wir nicht, wohl aber, dass es sich aus den Gesten und Bewegungen ableitet, die ein Mann beim Ertrinken macht.

Rebels on Wheels

Doch Tafheet ist auch ein leises Zeichen von Rebellion der Jugend gegen ihre Altvorderen. Was Rock & Roll, Lederjacke und Elvistolle in den USA der 50er Jahre war, ist in Saudi Arabien heute Tafheet. Weitgehend unbeachtet vom globalen Mainstreams hat sich da eine neue Subkultur entwickelt, eine sehr spezielle Art von jugendlicher Protestbewegung im Angesicht von wirtschaftlichem Dead-End und reaktionärer Gesellschaftsordnung.

Die Rebellion auf Rädern schlägt dabei nach allen Seiten – und lässt gänzlich unvermutete Töne anklingen. In den zahlreichen Musikstücken über die Helden des Tafheet wimmelt es nur so von homoerotischen Anspielungen. Die besten und wagemutigsten Drifter hätten freie Auswahl unter den Boys im Zuschauermeer. Diese Art von Tabubruch ist weit mehr als nur eine Provokation in einem islamischem Land, das Homosexualität mit dem Tod bestraft.

M.I.A. "Bad Girls"

M.I.A.s Single "Bad Girls" ist bereits im Handel erhältlich - das Album kommt Ende Juni

Sprung in den Mainstream

Nun hat Gesangskünstlerin M.I.A. das Thema Tafheet in ihrem jüngsten Musikvideo “Bad Girls” aufgegriffen. Auf der Bugwelle des Arabischen Frühlings reitend, wird das Driften des Mittleren Ostens positiv besetzt. Ganz ohne politischen Pathos und frei der üblichen Gut-Böse-Charakterisierung gelingt es dem jungen französischen Video-Regisseur Romain Gavras ein leidenschaftliches Bild der arabischen Automobilkultur zu zeichnen.

Obwohl hier fast alle Klischees – vom Beduinenreiter bis zur verscheierten Schönen – abgefeiert werden: Das Ergebnis ist ein kleines videografisches Meisterwerk, und Hommage an eine Kultur, die sich durch ihre Jugend ein positiv geprägtes Gesellschaftsbild zurückholen will.

Von der Realität könnte das Video freilich nicht weiter entfernt sein: Frauen ist es in Saudi Arabien nach wie vor nicht erlaubt, einen Wagen zu lenken – von Driften ganz zu schweigen…



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