Steppenwolf

Mazda 3 MPS: Steppenwolf

Mazda hat ein echtes Händchen für gute Fahrwerke: Der Mazda 6 kommt in Sachen Fahrdynamik fast schon an BMW heran, der Mazda 3 vereint hohen Fahrkomfort mit erstaunlicher Spritzigkeit, der Mazda 2 gehört zu den knackigsten Kleinwägen überhaupt, und sogar der dahingeschiedene RX-8 konnte bei der Straßenlage mit allem mithalten, was deutsche Sportcoupés vorlegten. Als wir den Mazda 3 MPS Testwagen entgegennahmen, ging uns daher nur ein Gedanke durch den Kopf: “Der ist sicher großartig!”

Das Vertrauen in die scharfe Version von Mazdas Golf-Pendent wird durch einen Blick auf das Datenblatt bekräftigt: 260 PS bei 1.385 kg – ergibt nach Isaak Newton respektable 6,1 Sekunden von 0 auf 100 km/h.

Sogar der Preis ist mit 36.290 Euro ausgesprochen konkurrenzfähig, steckt im Mazda 3 MPS doch so ziemlich alles bereits serienmäßig drinnen, was in kleineren Mazda-3-Versionen erst durch Ankreuzen der entsprechenden Kästchen auf der Optionsliste hinzugefügt werden muss.

Klingt demnach alles nach einem Grand Slam für Mazda.

Leider nein, denn der Mazda 3 MPS hat ein massives Problem: Er mag keine Kompromisse.

Bei zurückhaltender Fahrweise merkt man dem MPS seine Power nie an. Unterhalb von 4000 Touren reagiert das Gaspedal sehr gutmütig – ja geradezu handzahm und etwas träge. Auch der Fahrkomfort ist trotz straffem Sportfahrwerk sehr hoch. Alles, so wie es sein soll.

Am anderen Ende des fahrdynamischen Spektrums zeigt sich der MPS in noch besserem Licht. Wird er richtig, richtig, getreten, verwandelt er sich in einen erstaunlich performanten Sportwagen. Mit Sperrdifferenzial-inspiriertem Hunger nach der Kurveninnenseite hat Mazda dröges Untersteuern im Grenzbereich erfolgreich therapiert. Der Kompaktsportler zieht sich regelrecht an den Apex einer Kurve – anstatt, wie so viele andere stark motorisierte Mitbewerber, über die Vorderräder durch die Kurve zu schieben. Die Lenkung ist im sportlichen Einsatz ausgesprochen direkt, die Schaltung knackig und der Motor – entsprechende Drehzahl vorrausgesetzt – ein Quell der Geschwindigkeit und Fahrfreude. Auch wenn hier generell mehr Keule als Skalpell zum Einsatz kommt: GTIs fährt man auf der Rennstrecke förmlich um die Ohren.

Jackyll und Hyde

Der schizophrene Kompaktwagen hat allerdings dasselbe Problem, wie die Romanfigur aus Robert Louis Stevensons berühmten Literaturklassiker: Konfrontiert mit der Realität des Alltags erweisen sich die Charakterzüge beider Persönlichkeiten als schwer vereinbar. Wer sich schon einen Mazda 3 MPS zulegt, wird ihn wohl kaum nur gaspedal-streichelnd im Schongang bewegen – genausowenig aber ausschließlich in Rennstrecken-Tempo über Landstraßen brettern. Genau der Mittelweg – sportliches, dynamisches Cruisen – ist es, was dem Mazda 3 MPS gewaltige Schwierigkeiten bereitet.

Rund um den Geradeauslauf ist die Lenkung unverständlich giftig. Kleinste Lenkbewegungen lösen bereits merkliche Lastwechsel aus, die man so nicht erwarten würde. Das ist zwar nicht “gefährlich” aber doch lästig.

Bei sportlichen Alltagsmaneuvern, wie dem Überholen auf der Landstraße, reißt das Drehmoment des Motors gewaltig am Lenkrad – das ist nicht nur lästig, sondern bereits ein wenig gefährlich.

Genau bei der Fahrweise, denen vermutlich 90 Prozent aller MPS-3er unterworfen sind, fühlt sich der Mazda nicht wohl. Genervt und unbehaglich fühlen sich da auch schnell alle Mitinsaßen. Da hilft auch das große Platzangebot wenig, das Passagieren sowohl auf dem Beifahrersitz wie auch im Fond zur Verfügung steht.

In gewisser Weise ist der Mazda 3 MPS wie ein Spazierstock: Komfortables Accessoir für gemächliche Spaziergänge – und wirkungsvolle Waffe bei jeder Wirtshausschlägerei. Für alles andere leider nur schwer zu gebrauchen…

Galerie: Mazda 3 MPS

 

MPS, GTI, RS

Im Vergleich zur Konkurrenz steht der Mazda 3 MPS übrigens recht gut da: Nur der Megane RS ist flotter (und sogar ein wenig billiger). Erstaunlich ist der Preissprung zum Golf GTI der in der aktuellen “Edition 35″ rund 40.000 Euro kostet, will man ihn mit MPS-vergleichbarer Ausstattung erwerben. Der Fairness halber sei hier jedoch anzumerken, dass der GTI im Innenraum deutlich wertiger daherkommt und Oberklasse-Flair verbreitet (was auf den Mazda ganz sicher nicht zutrifft).



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