The Special One

Spritsparmobil BMW 116d: The Special One

Mit dem 1er wilderte BMW in den letzten acht Jahren recht erfolgfreich im angestammten Revier von Golf & Co. Obwohl bereits seit 2004 am Markt hat bislang keiner der unmittelbaren Konkurrenten das 1er Konzept mit Hinterradantrieb und der Mikro-Kombi-Karosserie kopiert. So optimierte BMW seinen neuen Kassenschlager eben selbst munter weiter und verkauft seit September 2011 den überarbeiteten und um 8,5 cm gewachsenen Baby-Beamer der zweiten Generation.

Etwas peinlich, dass der neue 1er von hinten nun dem VW Polo frappierend ähnlich sieht, von allen anderen Seiten betrachtet sind die BMW-Gene aber unverkennbar. Wirklich schlau war und ist BMWs Interpretation des kompakten Kombis. Das funktioniert erstaunlich gut, wir haben gleich mal den Test bei IKEA und Obi gemacht und im 116d ohne Mühen neue Gartenmöbel, Blumenkübel und den Wochenendeinkauf verstaut. OK, die IKEA-Gartenmöbel waren wie dort üblich platzsparend verpackt, zum Beladen lässt sich der 5-Sitzer aber ruckzuck und selbsterklärend zum Kombi mit nahezu ebener Ladefläche umbauen.

Klein war der 1er schon vorher nicht, der aktuelle 5-Türer ist nun ganze 12 cm länger und fast 70 Kilo schwerer als ein vergleichbar motorisierter Golf. Die Gründe hierfür liegen auf der Hand: BMW legt traditionell großen Werk auf Fahrdynamik, ein 12 cm längerer Radstand macht einen Unterschied . Bisher hatte der 1er vor allem hinten weniger Platz geboten als in dieser Klasse üblich. Der aufgrund des Hinterradantriebs bauartbedingten Schwachpunkt wurde mit dem vor allem im Fond gewachsenen Innenraum der 2ten Serie nun behoben.  Neu sind auch die zusätzlichen Blinker in den Aussenspiegeln, ein BMW-Feature bislang exklusiv im 1er.

 

BMW 116d

 

Nachdem die EU in den letzten Jahren den Druck auf die Auto-Hersteller weiter erhöhte den Flottenverbrauch zu senken, werden in den Entwicklungsabteilungen neuerdings massiv Überstunden geschoben.

 

Zwar liegen die Münchner bei Ihrem Flottenverbrauch bereits überraschend deutlich vor den direkten Konkurrenten Audi und Mercedes, trotzdem ist es noch ein gutes Stück zu den mittelfristig verordneten und ehrgeizigen CO2-Zielen der EU. Die deutschen Premium-Hersteller kämpfen daher gleich an zwei Fronten. Auf politischer Ebene versucht man die Einführung eines aktuell kaum erfüllbaren Flottenverbrauchs-Grenzwert von 120g-CO2/km so lange wie möglich hinauszuzögern, parallel dazu ertüfteln die BMW-Ingenieure vor allem am unteren Ende der Motorenpalette mit voller Kraft immer neue Spritsparmodellen. Aus der Gerüchteküche hören wir, dass BMW dafür in Kürze sogar seine heilige Kuh, den Hinterradantrieb, schlachten will. Wahrscheinlich mit einem noch kleineren Modell unterhalb des 1er und mit Technik aus dem Mini.

 

“Beim Benzinverbrauch zu sparen ist eine teure Sache.” Burkhard Göschel, ehemaliger BMW-Entwicklungsvorstand

 

Der aktuell sparsamte BMW aber ist der 116 d. Den gibt es bei identischer Bezeichnung gleich mit zwei verschiedenen Triebwerken zur Auswahl. 2009 lancierte BMW mit dem 116d mit Doppelturbo den neuen Sparfuchs im Lineup der Münchner und im März 2012 wurde die weiter verfeinerte „EfficientDynamics Edition“ – langes Wort – vorgestellt. Der 2-Liter des 116d wurde für hierfür auf 1,6 Liter reduziert und dank allerneuester Tricks und Eco-Gadgets zum neuen BMW-Spritspar-Champion getrimmt. Das Bemühen der Ingenieure blieb nicht ohne Wirkung, der „kleine“ 116d verbraucht im Drittelmix mehr als eine Halbe Maß Sprit weniger als der „große“ Bruder – 3,8 Liter gegen 4,3 Liter auf 100 Kilometer sind wahrhaftig ein Quantensprung. Hubraum geht eben doch über alles, auch in der anderen Richtung!

 

BMW 116d

Die Motorleistung ist trotz unterschiedlichen Hubraum bei beiden 116d mit 116 PS ident. Bitte jetzt keine falschen Schlüssse ziehen: der 118d hat nicht 118 sondern 143 PS. Der EfficientDynamics Edition ist zudem auch der aktuell einzige BMW mit einem CO2-Ausstoss von unter 100g/km – 99 genau genommen. Damit schlägt BMW sogar den Golf, der es bislang in keiner Motorversion unter die magische 100 g/km-Marke schafft. Abgesehen vom deutlich geringeren Spritverbrauch hat aber auch der große 116d quasi alle Features der EfficientDynamics Edition mit an Bord, auch wenn er nicht so heißt. Der Grundpreis der beiden Modelle ist exakt gleich – D: 25.950 €, A: 26.150 €, CH: 36.700 CHF – , und auch sonst erkennen wir eigentlich keinen echten Unterschied.

 

Geballte Ingenieurskunst am unteren Ende der Fahnenstange und der Ehrgeiz, das bayrische Sparmobil mit BMW-Erbgut zu codieren  

 

Bei den Fahrleistungen liegen die beiden nahezu gleich auf, 200 km/h gegen 195 km/h Top Speed sind in der Realität kein spürbarer Unterschied.  Auch im Sprint über die klassische Distanz verliert der 1,6er auf den 2-Liter gerade mal zwei Zehntelsekunden. Was man bei einem auf Sparen ausgelegten Aggregat jedoch nicht erwarten sollte sind gute Elastizitätswerte. Der 116d ist lang übersetzt, besonders die Sechste. Das ist toll, wenn man bei Landstrassentempo mit gemütlichen und ressourcenschonenden 1500 Touren unterwegs sein kann.

 

BMW 116d

 

Wer überholen möchte, sollte eben mal zwei bis drei Gänge runter schalten, um dem laufruhigen Vierzylinder die Reserven zu entlocken. Trotz der beiden Turbos geschehen beim Tritt auf´s Pedal keine Wunder. Das große Plus des 2-Liters ist mehr Drehmoment, mit dem der lang übersetzte Spar-1er deutlich mehr Kraft von unten raus auf die Kurbelwelle zu stemmen vermag. Und damit wären wir auch schon bei der Gretchenfrage:

 

Gehen Spritspartechnologien und BMWs vielfach beworbene Freude am Fahren zusammen?

 

Wir waren skeptisch, aber es funktioniert. Natürlich sollte man den Spardiesel nicht mit seinen potenten Brüdern vergleichen, wer sportlich unterwegs sein will, ist mit dem 116d falsch verbunden. Dennoch bietet der 116d ein schlüssiges Gesamtpaket und ermöglicht unangestrengtes Mitschwimmen in allen Straßenlagen bei äußerst moderaten Trinksitten. Beim 116d wurde nicht am falschen Ende gespart und die Summe von vielen kleinen Maßnahmen zur Optimierung des Spritverbrauchs zeigt Wirkung, ohne dabei die Fahrleistungen zuzuschnüren.

 

BMW 116d

 

Technologisch spielt natürlich auch das kleinste Modell die große BMW-Klaviatur. Für knapp 26.000 ist der 116d schon sehr ordentlich ausgestattet und dabei keineswegs teurer als ein vergleichbare Golf 2.0 TDI Blue Motion. Serienmässig mit an Bord des 1er sind 6-Gang-Getriebe, Start-Stop-Automatik, Bremsenergierückgewinnung, Dieselpartikelfilter, ABS, Stabilitäts- und Traktionskontrolle, Wegfahrsperre, Klimaanlage und etliches mehr.

 

BMW 116d Interior

 

Optional gibt es zwei Austattungslinien – „Sportline“ und „Urban Line“ – für jeweils 1.900 € Aufpreis. Unser Testwagen kam mit dem Sportline-Paket, das bringt diverse Innenraumapplikationen, Sportsitze und schöne Aluräder.

 

Nicht überall wo Sport drauf steht ist auch Sport drin!

 

Der Begriff „Sport“ wird in der Autobranche zunehmend überstrapaziert und meistens gleich über die komplette Modellpalette drüber gebügelt. Leider macht auch BMW hier keine Ausnahme und so sollte man einfach wissen, dass prinzipiell nicht überall Sport drin ist wo Sport drauf steht. Um dem sportlichen Anspruch der Marke zumindest im Ansatz gerecht zu werden, gibt es den sogenannten Fahrerlebnisschalter. Neben ECO PRO-und Comfort-Modus lässt sich auch der Sport- und der Sport-Plus-Modus aktivieren. Der beeinflusst die Schaltzeitpunkte und das Ansprechverhalten des Turbodiesels schon merklich, im Sport-Plus werden zudem die Fahrstabilitäts-Systeme deaktiviert.

Sehr sportlich ist auch der schon serienmässige Start-Knopf neben dem Lenkrad, den Schlüssel braucht man nur noch zum Auf- und Zusperren des Autos. Irgendwie weiss man im Auto aber nicht so recht wohin mit dem Schlüssel. In der Mittelkonsole gibt es zwar eine Ablage, wo der Schlüssel einigermassen gut hineinpasst, mir erschliesst sich aber nicht der Sinn Schlüssel und Anlasser zu trennen.

 

 

FAZIT

Wer kräftig sparen, das aber nicht gleich jedem auf´s Brot schmieren will, der fährt mit dem 116d goldrichtig. Der knapp bemessene Baby-Beamer ist für einen Kompakten ziemlich erwachsen und profitiert technologisch von den großen BMW-Modellen. Trotz seines klaren Auftrags als Sparbeauftragter der EU-Komission ist der 116d ein vollwertiges Auto und ein echter BMW, der Spritsparen und Fahrspass erstaunlich gut auf einen Nenner bringt. Wer sportlich fahren will, sollte sich anderweitig umschauen, findet aber schon in der 1er-Reihe genügend Alternativen, weiter oben sowieso. Der 116d macht keine halben Sachen und ist ein konsequent zu Ende gedachtes Konzept: Technologisch State of the Art und für 116 PS doch erstaunlich nah dran am 3-Liter-Auto, das man sich vor wenigen Jahren noch ausschließlich in Gestalt eines VW Lupo vorstellen konnte. Wunderbar exaktes Sechsganggetriebe und superpräzise Lenkung. Wie alle BMW brilliert auch der 1er mit ergonomisch perfekter Kommandozentrale.

 

BMW zeigt mit dem 116d, dass man ein Spritsparmobil auch ohne eingebaute Spaßbremse bauen kann.

 

BMW 116d

 

 

EPILOG

Jedesmal wenn ein VW Golf ins Spiel kommt, muß ich an die geniale weil ehrlich spontane Reaktion von Günther Jauch denken, der in seiner Rateshow mal einen seiner Gewinner fragte, was er denn mit dem gewonnenen Geld so anfangen wolle. Der sagte, er wolle sich davon ein Auto kaufen und auf die Frage von Jauch, was für eines, sagte der nur knapp: “Einen Golf”. Worauf Jauch in einer Mischung aus unverblümten Entsetzen und totaler Resignation nur noch einfiel: “Wow, wie einfallsreich!”. Andererseits könnte sich wohl kein noch so guter Werbeprofi einen besseren Spot für VW´s Longseller ausdenken, das Leben schreibt eben die besten Geschichten. Nun, der Golf genießt schon zu recht den Status einer Ikone, aber mit dem 1er von BMW haben Jauchs Kandidaten nun noch eine weitere Alternative zur Auswahl.

 

„Ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es gerade muss.“ Lothar Matthäus, deutscher Fußballprofi und 150facher Nationalspieler, und seine einst geäußerte Interpretation von Effizienz und Sparsamkeit 

 

technische daten

 



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