Gas Sux

Die Elektroautos der Saison: Gas Sux

Es tut sich was. Noch aber entwickelt sich die große Revolution ziemlich unbemerkt von der breiten Masse. Flower Power, das Computerzeitalter und zuletzt das Internet, die Kalifornier haben ein Talent darin, die ganz großen Trends vorherzusehen und dann auch entsprechend mit dem typisch amerikanischen positiven Spirit und der nötigen Publicity medienwirksam anzufeuern.

Das Zeitalter der Elektroautos gilt schon seit längerem als die nächste unumkehrbare Weltrevolution. Die hierfür nötige Eigendynamik zusammen mit einer Aussicht auf den sogenannten „Point of No Return“, mit dem die Lawine erst so richtig ins Rollen kommt, lassen jedoch schon länger auf sich warten.

 

Wo findet es statt, das große Happening zur Elektroauto-Revolution?

 

Ähnlich wie der „Summer of 69“ spricht alles dafür, dass wieder einmal Kalifornien der Ausgangspunkt sein wird, von dem aus eine Subkultur zur weltweiten Massenbewegung wird. Nach den Gesetzen der Branche und den Prognosen vieler Fachleute hätte die große Elektroauto-Offensive eigentlich in China Ihren Anfang nehmen sollen, zumal das 21. Jahrhundert zum Asiatischen Jahrhundert ausgerufen wurde und China als neue Lokomotive der Weltwirtschaft den Amis und Europäern längst das Wasser abgegraben hat.

 

Tesla Roadsters - by Steve Jurvetson

 

Wenn 125 Jahre nach Erfindung des Automobils die Geschichte mit dem Elektroauto einen evolutionären Wendepunkt nimmt, hätten die Chinesen das Steuer übernehmen und herumreißen können. Mit chinesischen Mittelklasse- und Luxusautos die Europäer und Amerikaner zu ärgern, gestaltete sich ja deutlich schwerer als gedacht. Quasi auf dem Silbertablett hatte sich da mit dem Elektroauto eine historische Chance zur Marktführerschaft dargeboten. Daraus wird nun jedoch erst mal nichts.

 

Die Chinesen hatten die einmalige Chance, die Marktführerschaft bei Elektroautos an sich zu reißen und am ganz großen Rad der Geschichte zu drehen. Daraus wird nun jedoch erst mal nichts.

 

Die chinesische Führung hat in den letzten Jahren keine Kosten und Mühen gescheut, dem Elektroauto zum Durchbruch zu verhelfen. In Ermangelung einer heimischen Autoindustrie zeigten sich die Chinesen gegenüber der Elektromobilität von Anfang an sehr offen. So wurde im Land der untergehenden Sonne schon früh und in großem Stil die Elektromobilität gefördert. Der Plan ist bei der Entwicklung von elektrisch getriebenen Zweirädern als Ersatz für das Fahrrad auch hervorragend aufgegangen. Die eignen sich vor allem für kürzere Alltagswege in den heillos verstopften Asiastischen Megacities ganz hervorragend. Mit Elektroautos hingegen will es einfach nicht klappen.  Die Konsumenten dafür wären da, mehr als genug. Chinas Mittelschicht umfasst mittlerweile geschätzte 300 Millionen Chinesen, das sind annähernd soviel wie die Einwohner der USA.

Die chinesische Strom-Initiative hatte der Elektro-Branche bereits einen weltweiten Innovationsschub verschafft. Der Absatzmarkt für elektrisch angetriebene Autos entwickelte sich jedoch weit anders als von den Polit-Strategen in Peking vorbestimmt. Laut Chinas Premier Wen Jinbao sollen 2015 bereits eine halbe Million Elektroautos Chinas Straßen bevölkern, 2020 sogar schon fünf Millionen. Seit 2009 wurden in China jedoch gerade mal rund 6.700 Elektroautos verkauft. Diese Zahl klingt noch deprimierender, wenn man die rund 13 Millionen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor daneben stellt, die 2011 neu zum chinesischen Straßenverkehr hinzugekommen sind.

 

Der Run auf Elektro-Scooter und Elektro-Bikes in China

 

Trotz staatlicher Förderung sind Elektroautos im Reich der Mitte noch immer 150 Prozent teurer als gleich große Benzinmodelle. Auch das zweite Problem bei aktuellen Elektroautos, die ungenügende Reichweite, kennen wir aus Europa. Obwohl die Chinesen führend sind bei der Herstellung von Hochleistungsbatterien, konnten sie sich daraus keinen Vorteil gegenüber der Konkurrenz aus den USA, Japan und Europa erarbeiten. Ein speziell chinesisches Problem, der fehlende Standard bei Steckdosen, ist wohl im bürokratischen Dschungel stecken geblieben. Ist dieses Problem nicht gelöst, geht es auch beim Ausbau einer flächendeckenden Infrastruktur von Stromtankstellen nur schleppend voran.

 

Sozialismus und Volkseigentum waren gestern. Heute wollen Chinesen coole Autos fahren mit viel Platz und Luxus an Bord.

 

Die chinesische Hartnäckigkeit in der Umsetzung von Visionen hat dem Land viel Respekt eingebracht, aber mit der generalstabmässig geplanten Elektroauto-Revolution scheint das Riesenreich nun überfordert. Die chinesische Gesellschaft verändert sich in rasendem Tempo. Die gleichgeschaltete und anspruchslose Bevölkerungsmasse aus Zeiten des sozialistischen Volkseigentums ist ebenso Vergangenheit wie die soziale Ächtung von westlichem Hedonismus.

Auch Chinesen wollen coole Autos fahren mit viel Platz und Luxus an Bord. Der neue Mittelstand will erst einmal das hart verdiente Geld ausgeben, die Umwelt kann ja auch später noch gerettet werden. Elektroautos kommen meist jedoch in Form von knapp bemessenen Klein- oder Kompaktwagen daher, wirken eher billig und verzichten auf all die tollen Luxus-Features aus Mittel- und Oberklasse. Da helfen selbst die staatlichen Subventionen nicht viel. Wer es sich leisten kann, kauft lieber einen großen Audi, BMW oder Mercedes, denn die kommen zusammen mit dem für Chinesen mittlerweile enorm wichtigen Prestige.

 

Bejing Auto Show 2012

 

Wie in Europa und in den USA so werden auch in China Plug-in-Hybrid-Autos immer beliebter, in denen ein kleiner Verbrennungsmotor elektrische Energie zur Batterieaufladung erzeugt, was die Kosten für die Batterie senkt und die Reichweite erheblich erhöht. Hybridantrieb wird meist in großen SUV oder Oberklasse-Fahrzeugen verbaut, da hier der Gewichtsnachteil im wahrsten Sinne des Wortes nicht so sehr ins Gewicht fällt. Das gefällt den Kunden schon viel besser, man kann ein dickes Auto fahren und sich zugleich ein grünes Image verschaffen.

Fachleute hingegen belächeln den Hybridantrieb in Verbindung mit einem Benzin- oder Dieselmotor als kurzlebige Übergangstechnologie zum rein elektrischen Fahren. Dennoch findet ein großer Run auf Hybridautos statt. In den USA verkaufen sich die automobilen Zwitter exzellent. Geht das so weiter machen Hybridfahrzeuge 2015 in den Staaten schon gute 6% des Fahrzeugbestands aus. 2025 könnte dort bereits jedes vierte Auto mit Hybridantrieb ausgestattet sein.

 

Die Amerikaner sollte man immer auf der Rechnung haben, denn der American Dream ist lebendig wie eh und je

 

Den Amerikanern traut zur Zeit kaum jemand Großes zu, da die sich augenscheinlich in einer schwierigen wirtschaftlichen und politischen Umbruchphase befinden und daher sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Das könnte sich alsbald als schwerer Trugschluß erweisen, denn die Amerikaner sollte man – egal wie dick es kommt – immer mit auf der Rechnung haben.

 

FISKER Karma

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Die kalifornischen Behörden haben durch die jüngst drastisch verschärften Öko-Standards den Markt für Elektroautos erneut kräftig angefeuert. Die einzigartige Kombination aus dem absatzstärksten Automarkt innerhalb der USA, den weltweit härtesten Emissionsgesetzen, geballtem High Tech, typisch amerikanischem Wagemut und vielen Leuten mit sehr viel Geld läßt hier aus Träumen schnell Realität werden. Der American Dream ist trotz der über dem Land schwebenden Depression noch so lebendig wie eh und je.

Kalifornien hat trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage in den letzten Jahren seine Hausaufgaben gemacht und weiter unbeirrt eine flächendeckende Infrastruktur für Elektroautos aufgebaut. Der vielleicht entscheidende Faktor aber ist, das Elektroautos die sogenannten HOV oder Carpool Lanes nutzen dürfen. Das sind speziell freigehaltene Fahrspuren auf allen Freeways, die nur von Autos mit mehreren Personen an Bord und Elektroautos befahren werden dürfen.

 

Carpool Lane, Freeway, Los Angeles, USA

 

Elektroautos werden in Kalifornien mit eingebauter Vorfahrt verkauft und das ist an der West Coast beim Kauf eines Autos einen satten Preisaufschlag wert. Der starke Zuwachs an Elektrofahrzeugen sorgt für Präsenz, Elektroautos werden so bald alltäglich und in den Augen der Kalifornier eine Selbstverständlichkeit.

 

Justin Bieber beim Zuschnellfahren mit seinem Fisker Karma erwischt! – Eine bessere Werbung für Elektroautos kann man sich eigentlich nicht wünschen.

 

Schauspieler und Celebrities, die sich traditionell zur Avantgarde hingezogen fühlen, kaufen Teslas, Volts und Karmas bereits wie verrückt und verschaffen den EVs auf diese Weise – gewollt oder ungewollt – ein ziemlich cooles Image und die nötige Publicity in der Popkultur. Justin Bieber etwa wurde vor einigen Tagen mal wieder von den Cops herausgewunken, als er mit seinem vollverchromten Fisker Karma auf dem Freeway 101 mit 160 Sachen vor den Paparazzi türmte. Gute Werbung für Fisker? Gehässige Kommentatoren sprechen davon, dass 15jährige Justin Bieber-Fans sich wohl kaum für ein 100.000 Dollar-Fahrzeug interessieren. Ich halte dagegen: das sind genau die, die sich in spätestens zehn bis zwanzig Jahren wehmütig an den Teenie-Schwarm erinnern und sich ein Elektroauto kaufen.

 

Justin Bieber in seinem vollverchromten Fisker Karma wurde am 6.7.12 mal wieder beim Zuschnellfahren erwischt

 

Fisker Automotive und der Schauspieler Leonardo diCaprio haben Anfang Juli 2012 einen genialen Deal unter Dach und Fach gebracht. Nach solch einem Übereinkommen würden sich zweifellos auch etliche andere Autohersteller die Finger schlecken. DiCaprio hatte schon zu einem früheren Zeitpunkt bei Fisker einen Teil seines Kapitals investiert und gilt nun auch offiziell als Markenbotschafter der noch jungen Hybrid-Autoschmiede aus Anaheim, Kalifornien. Es gibt aktuell wohl kaum einen anderen US-Schauspieler, der sich öffentlich derartig für den Schutz des Planeten engagiert.

DiCaprio lebt seine Einstellung und gilt daher in der US-Bevölkerung als höchst glaubwürdig und als ein starkes Vorbild. Zugleich besitzt DiCaprio nun ein erweitertes Mitspracherecht bei Marketing-Initiativen und der strategischen Ausrichtungen des Unternehmens. Ein immenser Gewinn für beide Parteien und ein weiterer Baustein, Elektroautos in der gesellschaftlichen Wahrnehmung zu verankern.

All das sind wesentliche Faktoren, um der Elektomobilität das entscheidene Momentum zu verleihen. Faktoren, ohne die eine Revolution nicht zur Massenbewegung werden kann. Von elementarer Bedeutung aber ist, dass ein Elektroauto sowohl objektiv als auch subjektiv seinem benzingetriebenen Pendant mindestens ebenbürtig sein muss, damit die Kosumenten Kaufverträge unterschreiben. Wenn Coolnessfaktor und Prestige stimmen, darf ein Elektroauto ruhig auch doppelt so viel wie ein herkömmliches Auto kosten, die Leute kaufen es dann trotzdem. Die Diskussion über den zu hohen Preis von Elektroautos greift zu kurz, zumindest das hat der Hype um Fisker und Tesla bereits gezeigt.

 

Die “Tesla Story” ist schlicht das beste Beispiel für den gelebten American Dream.

 

Und wo sonst als in Kalifornien ist die sagenhafte Tesla-Story vorstellbar. Ein umtriebiger Dotcom-Millionär sucht sich ein neues Geschäftsfeld und gründet eben mal eine Autofirma mit dem Ziel, das Elektroauto zu revolutionieren und zum Massenprodukt zu machen.

Anfangs von vielen belächelt ist eben diesen Leuten mittlerweile das Lachen vergangen, da dem risikofreudigen Team um Firmengründer Elon Musk bislang ziemlich viel von dem gelungen ist, was vor einigen Jahren in der Branche noch als eine nette Vision abgetan wurde.

Jeder andere Autohersteller dieser Welt träumt davon, dass die Kunden eben mal 10.000 Vorbestellungen unterschreiben, ohne das Auto je gefahren, geschweige denn etwas anderes als einen Prototyp davon gesehen zu haben. Tesla hat sich zum Ziel gesetzt, dem Elektroauto zum Durchbruch zu verhelfen. Dafür, so ist man überzeugt, muß ein Elektroauto sowohl sexy als auch wettbewerbsfähig sein.

Hersteller wie Tesla und Fisker haben verstanden, dass gute Technik allein nicht genügt, die Kunden für eine neue Technologie zu begeistern. Tesla hat durch gut gemachte Promotion nicht zuletzt mit Unterstützung von zahlreichen Celebrities die Amerikaner für das Thema begeistert und die stehen jetzt bei Tesla Schlange wie sonst nur vor dem Apple Store oder bei den Konzerten von Justin Bieber.

 

TESLA Model S

Tesla Model S 2012

 

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Vanishing Point: Best of 2011

 

Im Gegensatz zum Achtungserfolg mit dem Tesla Roadster will Tesla Motors mit dem brandneuen Premium Sedan Model S jetzt aber auch richtig Geld verdienen. 5.300 Exemplare sollen noch 2012 an die mit den Hufen scharrenden Kunden ausgeliefert werden, 2013 schon doppelt so viele. Tesla hätte für 2013 bereits Kapazitäten von rund 20.000 Model S, aber auch das erfolgsverwöhnte Startup aus Palo Alto nahe San Fransisco sieht sich zahlreichen Traditionalisten gegenüber, die dann doch lieber noch einmal einen 5er BMW oder Cadillac ATS kaufen.

 

 

Neben der eigenen Erfolgsgeschichte befeuert Tesla mittlerweile aber auch die Visionen der Konkurrenz. Daimler ist bei Tesla eingestiegen und brütet fleissig an einer elektrisierten A-Klasse. Antriebsstrang und Batteriepaket des Toyota RAV4 EV werden schon jetzt bei Tesla gefertigt. Der Verkauf des elektrisch angetrieben Toyota SUV started dieses Jahr in San Diego, L.A., Sacramento und in der Bay Area. Von hier aus sollen dann als nächstes die für Elektroautos ebenfalls sehr aufgeschlossenen US-Bundesstaaten New York und New Jersey erobert werden.

 

“Why do electric cars, or small fuel-efficient cars, always have to look dorky? Why can’t we make a beautiful, gorgeous car?” Henrik Fisker, Autodesigner und Geschäftsführer Fisker Coachbuild 

 

Das für die Luftreinhaltung zuständige California Air Resources Board, kurz CARB, erhöhte soeben die Quoten für weitere Autohersteller. Die aktuellen Gesetze betreffen lediglich GM, Chyrsler und Ford sowie die in US-Ableger von Honda, Nissan und Toyota. Beginnend mit dem Jahr 2018 gelten auch für BMW, Daimler, Hyundai, Kia, Mazda, Volkswagen und alle anderen Hersteller, die mehr als 20.000 Fahrzeuge pro Jahr in Kalifornien verkaufen, neue Regeln. Dann nämlich müssen alle einen bestimmten Prozentsatz an Zero-Emission-Fahrzeugen verkaufen, und das sind nur reine Elektroautos.

 

HONDA Fit EV

2013 Honda Fit EV

 

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Ob diese direkt über Batterien oder/und indirekt über die Verbrennung von Wasserstoff angetrieben werden, wird sich noch zeigen. CARB will schon 2025 1.4 Million Zero-Emission Vehicles auf den Straßen Kaliforniens sehen, der Prozentsatz variiert dabei für jeden Hersteller gemäss seiner tatsächlichen Marktanteile.

Ein ganz heißer Deal zwischen dem Bundesstaat Kalifornien und dem Energieunternehmen NRG Energy aus New Jersesy soll schon bald in trockenen Tüchern sein. NRG will 100 Millionen Dollar in ein Netz an neuen Ladestationen stecken, die über ganz Kalifornien verteilt sind. Ein wesentlicher Baustein, um die Entscheidung beim Autokauf hin zu Elektroautos zu beeinflussen.

 

Ford Focus Electric

2012 Ford Focus Electric

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Auch Präsident Obama, der als großer Förder der Elektromobilität gilt, will nicht hinter der ehrgeizigen West Coast zurückstehen. Nicht zuletzt, um endlich von saudischem Öl unabhängig zu werden, will Obama den landesweiten Ausbau von elektrischen Ladestationen massiv pushen und den Amerikanern mit rund 4 Millionen US-Dollar den Umstieg auf alternative Antriebskonzepte versüssen. Steuervorteile, billige Kredite, Kaufsubventionen. Das sind natürlich klassische Wahlkampfslogans, aber das Thema wurde immerhin zur Chefsache deklariert.

 

“We have an historic opportunity to help ensure that the next generation of fuel-efficient cars and trucks are made in America,” Barrack Obama, Amerikanischer Präsident

 

Mit diesen Zielen sind die Amerikaner der Alten Welt weit voraus, wenngleich Naturschutz und hohe Ingenieurskunst in Europa traditionell eine besonders harmonische Ehe führen. In Deutschland, dem absatzstärksten Markt in der Eurozone, waren am 1. Januar 2012 gerade mal 4.541 Elektroautos zugelassen. Nur eines von rund 11000 Autos fährt in Deutschland rein elektrisch. Dazu kommen immerhin 47.642 Pkw mit Hybridantrieb. Kaum der Rede wert, wenn man sich das Ziel der Bundesregierung vor Augen hält, dass schon in acht Jahren 1 Million Elektrofahrzeuge über Deutschlands Straßen rollen sollen.

Für den konservativ denkenden deutschen Autokäufer bleiben derzeit noch zu viele Fragen unbeantwortet. Er weiss zum Beispiel nicht, wie dicht das Netz öffentlicher Ladestationen künftig sein wird, ob die begrenzte Reichweite der Autos für den Alltag ausreicht und wie schnell die Stromer an Wert verlieren. Trotz der im Mai 2010 gegründeten Nationale Plattform Elektromobilität (NPE), einem Expertengespickten Beratergremium für die Bundesregierung sind die prognostizierten Anteile von E-Autos am Gesamtabsatz rückläufig. Die Experten erwarten 2017 einen Gesamtbestand von nur rund 20.000 Elektroautos.

 

„Zu viele Fragen sind aus Käufersicht noch ungelöst. Solange der Großteil der Bevölkerung mehr Fragen als Antworten zu diesem Thema hat, wird die E-Mobilität keine signifikanten Sprünge machen.“ Autoexperte Christian Malorny, McKinsey

 

Das politische Ziel, Deutschland zum Leitmarkt für Elektromobilität zu machen, werden wohl auch die Deutschen klar verfehlen. Woran hapert es? Sowohl unter den deutschen Autobauern als auch den Energieunternehmen traut sich keiner, das Thema intensiv zu beackern und vor allem gegenüber aufgeschlossenen und unvoreingenommenen Menschen das Elektrozeitalter als angesagten Trend zu verkaufen. Zum Start einer breiten und glaubwürdigen Elektroauto-Werbe-Offensive braucht man vor allem Eines: die Überzeugung, dass daraus eine Erfolgsgeschichte wird. Daran scheint es noch zu fehlen. Es geschieht schon eine ganze Menge, aber irgednwie wird man das Gefühl nicht los, dass das eher halbherzig passiert.

 

SMART Fortwo Electric Drive

Smart Electric Drive

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Coole, attraktive Elektroautos zu bauen und gut gemachte Promotion ist das eine, damit Geld zu verdienen das andere. Geld verdient man vor allem über große Stückzahlen und wenn möglichst viele Kosumenten das Gleiche brauchen.

Es wäre eigentlich ein leichtes, die Parkplätze in Großgaragen mit Stromanschlüssen auszustatten. Über kurz oder lang lässt sich für die Betreiber hier ein schönes Zubrot verdienen ohne nach Installation der Stecker auch nur noch einen Finger krumm zu machen. Überall da, wo Autos länger stehen, könnte man Power Plugs installieren. Da könnten dann sogar noch die Kommunen über das Ihnen eigene Straßennetz mitverdienen, auch wenn sie die Investition in die Stecker etwa an einen Energiekonzern vergeben.

Auch laufen inzwischen schon vielversprechende Versuche, über in den Asphalt eingebauten Induktionsschleifen die Batterien von Elektroautos aufzuladen, ein smarte Variante zur herkömmlichen Strom-Zapfsäule.

 

Kleine Länder kommen einfach schneller und einfacher in der Zukunft an

 

In kleinen, jedoch dicht besiedelten und hoch urbanisierten Ländern läßt sich die Elektromobilität vielleicht etwas einfacher durchsetzen. Die Iren etwa wollen bis 2020 42 Prozent ihres Energiebedarfs mit erneuerbaren Energien decken. Dazu passt, dass dann zehn Prozent aller Autos elektrisch und CO2-neutral fahren sollen. Das irische Electricity Supply Board kümmert sich inzwischen um den Netztaufbau von Stromtankstellen.

 

AUDI R8 e-tron

Audi R8 e-tron: Weltrekord auf der Nuerburgring Nordschleife am 26. Juni 2012

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Neben den Schnellladestationen auf bedeutenden Landesstraßen und Autobahnen sollen auch noch rund 2000 Wallboxes für die Ladung in Privathaushalten sowie rund 1500 öffentliche Stationen vor allem in und um die Hauptstadt Dublin herum installiert werden. Bezahlt wird mit einer Karte direkt an der Ladesäule, die Kosten werden über die Stromrechnung beglichen. Rund 80 Prozent aller Iren leben in einem eigenen Haus, so dass die meisten Iren Ihr Elektroauto ohnehin zu Hause über Nacht an die Eigene Steckdose hängen können.

 

“Reality is phasing in.” Peter Schwarzenbauer, Audi Vertriebschef

 

Auch in Österreich stehen die Vorzeichen recht gut für die elektrisch mobilisierte Gesellschaft der Zukunft, stammt ein Großteil des im Land produzierten Stroms doch aus Wasserkraft. Gerade erst wurde vom zuständigen Bundesministerium der Nationale Umsetzungsplan für Elektromobilität in und aus Österreich vorgestellt, ein ganzheitliches Strategie-Konzept zur Stärkung des Industrie- und Energiesektors. Die dabei aber mindestens ebenso wichtige Promotion und Imagebildung von Elektromobilität in der Bevölkerung findet bislang allerdings nur am Rande statt, das Thema ist in den Medien so wie auch bei den deutschen Nachbarn noch viel zu wenig präsent.

 

Renault Twizy

Renault Twizy

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Renault-Nissan hingegen will nicht weiter warten, bis die Politik die Weichen stellt und prescht jetzt selbst voran. Nissan hat bereits 2011 den Leaf auf den Markt gebracht und Konzernschwester Renault legt nun kräftig nach.

Als einziger Big Player in Europa werden die Franzosen am Ende des Jahres 2012 bereits vier Elektro-Modelle im Programm haben. Zum frechen Twizy und den eher praktisch veranlagten Kangoo und Fluence Z.E. gesellt sich dieses Jahr noch der modisch gestylte Kleinwagen ZOE. Vom überraschenden Erfolg des unkonventionellen Twizy wurde Renault wohl selbst überrollt. Angeblich sieht sich Renault dreimal sovielen Bestellungen gegenüber wie ursprünglich anvisiert und stockt eiligst die Produktionskapazitäten auf.

 

Renault Kangoo Z.E. / Maxi Z.E.

Renault Kangoo Maxi Z.E.

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In Europa wird die Diskussion über Elektromobiltät allerdings noch auf einem ganz anderen Level geführt. Viele Experten halten den Vergleich von Elektroautos und Autos mit Verbrennungsmotoren für verlogen und am eigentlichen Problem vorbeigeredet. Ein effizienterer und schonendere Verbrauch von Ressourcen sollte wichtiger genommen werden, zumal vielerorts der Strom für Elektroautos ohnehin (noch) nicht aus erneuerbaren Energien stammt. Weg also von über 2 Tonnen schweren SUV mit Hybridantrieb hin zu kleinen und leichten Stadtflitzern.

 

“If it happens, we will be ready!” Carlos Ghosn, CEO Nissan-Renault

 

Aber auch diese Experten müssen wohl anerkennen, dass die aufkeimende Elektromobilität schon jetzt Entscheidendes bewirkt hat und die über Jahrzehnte unaufhaltsame Zunahme von Größe und Gewicht der Autos mit zum Stillstand gebracht hat. Weil jedes Extrakilo eines E-Mobils die Reichweite verringert oder einen noch stärkeren Akku erfordert, beackern endlich alle Hersteller das Thema Leichtbau. Das kommt natürlich auch den benzingetriebenen Modellen zu gute, denn auch die müssen ein grüneres Image bekommen, um noch längerfristig verkäuflich zu sein. Stahl ist out, immer mehr Teile werden aus Aluminium, Kohlefaserverbundstoff oder Kunststoffen gefertigt. Und nach jahrelangem Zögern seitens der Industrie geht es in den letzten Jahren endlich stark voran.

 

Renault Fluence Z.E.

Renault Fluence Z.E

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Gänzlich auflösen lässt sich der Konflikt zwischen Umweltschutz und dem Bedürfnis nach individueller Mobilität zusammen mit großen Reichweiten aber wohl nicht so bald. Damit Elektromobilität im konservativen Europa eine wirklich Zukunft hat, müssen Politik und Wirtschaft das Jahrhunderprojekt „Energiewende“ umsetzen und den Kontinent nachhaltig auf erneuerbare Energieträger umstellen. Das ist natürlich nicht nur eine technische, sondern auch eine soziale Herausforderung. Grüner Strom muß dann auch noch zu deutlich günstigeren Preisen angeboten werden als der Sprit aus schwarzem Gold und das trotz der schon jetzt absehbaren, wirklich gigantischen Investitionen im Zuge der Energiewende.

 

Renault ZOE

Renault ZOE

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Die Experten sind sich zwar einig darin, dass die ferne Zukunft der Elektromobilität gehören wird, doch welche Technologie in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren die Autos antreiben soll, darüber gehen die Meinungen ziemlich weit auseinander.

 

„In 50 Jahren wird es ganz sicher keine Verbrennungsmotoren mehr geben.“ Dieter Zetsche, Vorstandschef Daimler AG.

 

Das Auto, das all unsere Probleme lösen wird, ist jedenfalls noch immer nicht erfunden und wir müssen wohl noch eine Weile auf den „Messias auf vier Rädern“ warten. Zumindest das Licht am Ende des Tunnels ist ja schon zu sehen. Und dieses Jahr ist es wieder einen Tick heller geworden.



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