A Night At The Opera

Ausfahrt im Jaguar F-Type (Teil 1): A Night At The Opera

Es regnet.

Ausgerechnet heute.

Es gibt Tage, da wünscht man sich dann doch das perfekte Wetter. Den strahlenden Sonnenschein. Vielleicht mit ein paar dramatischen Wolken am Horizont.

Wenig mehr als 24 Stunden bleiben mir mit dem Jaguar F-Type. Die gilt es auszukosten – und wenn es noch so regnet.

Am Kühlergrill des F-Type weist ihn ein Emblem mit dem Buchstaben “S” als die mittlere der drei Motorisierungsversionen aus. 3 Liter, 6 Zylinder, 380 Pferdestärken. Nichts von alldem spielt heute eine Rolle – auf der Autobahn drehen beim Beschleunigen im vierten Gang die Räder durch.

Null auf hundert in ich-bin-doch-nicht-deppat-und-steig-voll-aufs-Gas.

 

I won’t be a rock star. I will be a legend.
Freddie Mercury

 

Doch der F-Type ist ohnehin kein Wagen, der sich über PS, Beschleunigungswerte oder Rundenzeiten definiert. Er ist die Weiterführung einer Tradition, die vor mehr als 40 Jahren mit dem E-Type beinahe ihr Ende gefunden hätte. Nicht weil der E-Type den damaligen Erwartungen nicht entsprochen hätte – im Gegenteil: Der E-Type war vom Fleck weg eine Legende. Chancenlos wäre da doch jeder Nachfolger gewesen.

Anti-Retro

Das dachte sich wohl auch Jaguar selbst. Wie wäre es sonst zu erklären, dass man mit XJ, XF und XK forthin schon alphabetisch möglichst weit vom E-Type Abstand nahm. Nur nicht in die Nähe der Ikone kommen. Jaguar muss heute die Ehre des E-Type aber nicht mehr verteidigen. Vierzig Jahre müssen reichen. Der F-Type hat sich seine Modellbezeichnung redlich ersessen.

Ist der F-Type nun ein würdiger Nachfolger? Nun, er ist kein Nachfolger, er ist kein Neuaufguss, kein Retro-Modell. Der F-Type zeigt, was Jaguar kann, wenn die bedeutungsschwangere Firmenhistorie über Bord geworfen wird. Dass der neue Motor jeden alten E-Type aus dem Wasser pusten würde, hilft da natürlich auch ein wenig.

Leider hat bisher beim Tritt aufs Gaspedal nur die Traktionskontrolle ihren Spaß…

Es wär fast schon frustrierend, wenn da nicht eine Sache wäre: Dieser F-Type klingt unfassbar gut. 

 

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Schon klar, dass dieses Attribut heutzutage recht inflationär verlieren wird. “Toller Sound” liest man bei jedem besseren 3er BMW. Stimmt ja auch meistens.

Der F-Type spielt jedoch in einer anderen Liga. Laut, brachial, und doch kein falscher Ton. Darf ein Jaguar wirklich derart gut klingen? Sollte da nicht etwas mehr Understatement mitspielen? Jenseits der 5.000 Touren verwandelt sich das dumpfe Grollen in einen Sound, den man sonst wirklich nur von Maserati und Ferrari kennt. Der Jaguar F-Type klingt aber weniger hysterisch. Und lupft man das Gas, spuckt der Auspuff ein Staccato.

All das gibt’s auf Knopfdruck als Open Air Darbietung. Es nieselt nur noch. Die paar Tropfen werden schon nicht so schlimm sein. Solange man nicht steht, regnet’s eh nicht rein.

Ich stehe.

Es regnet rein.

Das Dach bleibt offen.

 

 

Schon erstaunlich, was so ein wenig gekonntes Soundengineering ausmachen kann. Eben noch war man der perfekte Gentleman-Driver, schon poltert man lärmend durch die Innenstadt. Die beiden Wippen am Lenkrad, die noch vor kurzem auf der Autobahn und Landstraße völlig überflüssig erschienen, sind jetzt im Dauereinsatz. Nicht weil’s damit schneller geht – nur weil’s lauter ist und schöner klingt.

“Los hean!”, “Steig noamoi aufs Gas, Oida!” – Das sind die “Zu-ga-be!”-Rufe, die mir aus heruntergekurbelten Seitenfenstern von Connoisseuren orchestraler Wärmekraftmaschinen entgegenschallen.

 

I dress to kill, but tastefully.
Freddie Mercury

 

Dabei gäbe es beim Jaguar F-Type nicht nur etwas zu hören, sondern auch einiges zu sehen. Schön ist er nämlich auch. Nicht ganz Shakira, aber weit weg von Susan Boyle.

Jetzt beginnt’s wirklich zu schütten. Bei der Einfahrt in die Tiefgarage merkt man dem F-Type an, dass die so eleganten Proportionen bei der Übersichtlichkeit ihren Tribut fordern. Breit ist er sowieso. Auf einem Tiefgaragenplatz in Normbreite geht die Türe nur mehr zentimeterweit auf.

Was diese, aus automobiljournalistischer Sicht komplett unmethodische Stadtrundfahrt im F-Type gebracht hat? Eine Erkenntniss: Den F-Type hätte ich gerne mit Handschaltung…

…weil sich analoge Musikinstrumente einfach besser anhören.

 

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Galerie: Jaguar F-Type

 

 

Coming Soon:

“A Day At The Races” – Teil 2 unserer Jaguar F-Type Ausfahrt

 

 


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