Autos auf Halde

Produzieren Autohersteller wirklich zigtausende Autos, um sie direkt aus der Produktionshalle auf gigantischen, geheimen Megaparkplätzen dauerzuparken?

Verfolgte man in den vergangenen Tagen die gängigen Social Media Kanäle, konnte man dutzende derartiger Artikel sehen. Stories wie hier oder hier machten die Runde auf Facebook & Co.

Hersteller sollen, um die Produktionszahlen künstlich hoch zu halten, einen Gutteil ihrer Produktion auf diesen Lagerstätten parken. Ohne Chance, diese jemals zu verkaufen. Ist da was dran?

Kurze Antwort: Nein

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Dass Fotos eben nur unter Vorbehalt zur Untermauerung aktueller Thesen dienen können, gilt auch hier:

Die meisten der Bilder wurden 2008/2009 aufgenommen

Sie stammen aus einer Zeit, als die Autobranche wirklich kurzfristig unter deutlicher Überproduktion leiden musste. Mit der weltweiten Wirtschaftskrise dauerte es einige Wochen und Monate, bis die Hersteller ihre Produktionsvolumina an die geänderte Nachfrage angepasst hatten.

Wer aktuelle Bilder der damals temporär angelegten Zwischenlager sieht, wird feststellen, dass die großen Autokontingente von damals längst verschwunden sind.

Wie es sich für eine handfeste Verschwörungstheorie gehört, gibt es natürlich auch dafür eine “plausible” Erklärung:

Zero Hedge kann sich das beispielsweise nur so erklären:

Currently May 16th, 2014, all of these cars at the Nissan Sunderland test track have disappeared? Now I don’t believe they have all suddenly been sold. I would guess they may have been taken away and recycled to make room for the next vast production run.

Auch wenn’s der Author nicht glauben kann: Die meisten dieser Autos wurden in den vergangenen 5 Jahren eben doch verkauft. Nicht “suddenly”, nach und nach.

Autos werden nicht einzeln verschifft

Es finden sich durchaus auch heute gigantische Autoparkplätze voll mit Neuwagen. Bei den Produktionsstätten beispielsweise. Und in großen Frachthäfen.

Autos werden bekanntlich nicht einzeln von Werksmitarbeitern vom Werk zum Kunden gefahren, sondern landen zu hunderten und tausenden auf Schiffen, Zügen und LKWs.

Bis so ein Schiff/Zug/LKW voll ist, warten die zu verladenden Autos eben dort, wo Autos so warten, wenn sie warten – auf einem Parkplatz.

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Auf den meisten Fotos sind nichtmal viele Autos zu sehen

Ein gigantischer Parkplatz mit Neuwagen? Im Vergleich zu den Stückzahlen, die große Autohersteller täglich von Band laufen lassen, ist die kompakte Größe dieser Parkplätze eher ein Zeichen für die überraschend gute Logistik in den Produktionsstätten.

Im Großraum London werden beispielsweise pro Jahr mehr als 70.000 Neuwagen verkauft. das sind rund 200 pro Tag. Durch manche Häfen, wie beispielsweise die Royal Portbury Docks im britischen Avonmouth laufen jährlich sogar mehr als eine halbe Million Neuwagen.

Die Lieferlogistik dafür abzuwickeln, ohne den einen oder anderen Parkplatz zu füllen, wäre wohl unmöglich.

Warum???

Die wohl wichtigste Frage hinter der vermeintlichen Automobil-Verschwörung muss aber lauten: Warum sollten die Hersteller das überhaupt tun? Die angesprochenen Artikel haben da ihre Theorien.

Um nur ja nicht die Produktion drosseln zu müssen? Damit haben die meisten Hersteller wenig Probleme und passen das Volumen ohnehin laufend an den Bedarf an.
Um keine Leute entlassen zu müssen? Genau, denn wie wir wissen, haben Autohersteller (und deren Bosse) ja vor allem den Wohlstand ihrer Belegschaft im Sinn. Leute entlassen – würden die nie machen.
Um gegenüber der Konkurrenz stärker zu wirken? Abgesehen davon, dass der Automarkt wenig mit dem Balzverhalten von Rotwild zu tun hat, haben Autohersteller genug andere Möglichkeiten, ihre Verkaufszahlen aufzuhübschen. Massenhaft Autos ohne Verkaufsabsicht zu produzieren, gehört sicher nicht dazu.

Bullshit

Mit der Finanzkrise haben viele erstmals einen Blick hinter die Kulissen der Weltwirtschaft erhascht. Was da vorgeht, hat wenig mit konventionellen Geldvorstellungen zu tun. Werte werden aus dem Nichts erschaffen, gegen andere Werte getauscht und am Ende kann es sein, dass alles weg ist. Und trotzdem sind alle in der Chefetage reich geworden.

Im Kontext diverser Bankenskandale würde die automobile Phantomproduktion also durchaus hineinpassen. Nur funktioniert die produzierende Wirtschaft eben etwas anders.

VW & Co bauen Autos. Die verkauft man dann. Und wenn man dabei alles richtig gemacht hat, bleibt am Ende ein dicker Batzen Geld. Herr Winterkorn und seine Kollegen können sich davon dann auch dicke Autos kaufen.

Und das funktioniert ganz ohne Verschwörung.


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