French Evolution

Renault Megane R.S. im Test: French Evolution

Wenn es um sportliche Kompaktwagen geht, war Renault schon immer ein klein wenig verrückter, als die Konkurrenz aus Deutschland. Zu Zeiten, als man bei VW im GTI noch mit züchtigen 110 PS auskommen musste, fuhr man im legendären Renault 5 Turbo mit 160 PS. Dem Clio verpasste man 2003 sogar ein Serientuning mit Mittelmotor (was zwar gradiose Performance brachte, aber die Alltagstauglichkeit auf Null senkte).

Nun sitzen wir im Renault Mégane R.S. 265 und fragen uns, ob auch hier noch ein Stück Wahnsinn drinsteckt.

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Sexy Boy

Aus der sportlichen Auslegung macht das Styling des Mégane R.S. 265 keinen Hehl. Schweller, tiefer gezogene Spoiler und deutlich verbreiterte Kotflügel verhindern jede Verwechslung mit der zivilen Variante des Mégane. Die Abrisskante am Dach hat ebenfalls einen kleinen Spoiler.

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Die Frontpartie des Megane R.S unterscheidet sich erst unterhalb der Scheinwerfer vom Standard-Coupé.

Aber Moment mal: Fast all die Sport-Kennzeichen hat schon das weitaus weniger sportlich motorisierte Coupé. Beim Mégane R.S. ist alles lediglich etwas dicker, breiter und markanter.

Das dezente Styling-Upgrade zur Basisversion steht dem Megane hervorragend zu Gesicht. Hübsch ist der R.S. jedenfalls.

Etwas braver als das Exterieur kommt der Innenraum daher. Auffällig sind die hervorragenden Recaro-Sitze (übrigens exakt genau die gleiche Bestuhlung, wie im Lotus Evora) und die roten Sicherheitsgurte.

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Ergonomique?

Schnell erfährt man am Steuer des Mégane R.S. 265, dass sich das Wort “Ergonomie” offenbar doch nicht so einfach ins Französische übersetzen lässt. Ausgerechnet den “R.S.”-Knopf, der den sportlichsten aller Méganes erst in das verwandelt, was er ist, wurde links hinten unterhalb des Lenkrads platziert. In normaler Sitzposition ist er überhaupt nicht zu sehen.

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Den Tempomat schaltet man – wie bei fast allen Renault-Modellen – mit einer Wippe zwischen Schaltknüppel und Armlehne ein und aus. Und die Audio-Knöpfe hat Renault gleich komplett hinter das Lenkrad verbannt, sodass man sie zwar ertasten, aber nur bei deutlichem Lenkeinschlag sehen kann. Also nicht weiter beunruhigen lassen, wenn vor Ihnen auf der Autobahn ein Mégane zu schlingern anfängt – der Fahrer will wahrscheinlich nur den Sender wechseln.

Reduziert

Dabei wäre am Lenkrad oder Armaturenbrett wirklich genug Platz um diversen Schaltern eine etwas weniger eigenwillige Position zuzuweisen. Denn allzuviele Knöpfe (und dazugehörige Funktionen) hat der Mégane R.S. gar nicht.

Renault scheint bei der Entwicklung des Mégane R.S. gleich mal das ganze Handbuch “Sicherheitsassistenten im modernen Fahrzeugbau” von der Leseliste seiner Ingenieure gestrichen zu haben. Einen Toten-Winkel-Assistenten sucht man ebenso vergeblich, wie Abstandswarner, Spurhalteassistent oder Fernlichtassistent. Die kann man nicht mal optional dazubestellen.

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Mundwinkellifting

Da kann Seat mit dem neuen Leon Cupra noch so oft einen neuen Rundenrekord auf der Nordschleife aufstellen: Der Mégane R.S. bringt mehr Spaß auf der Straße, als jeder andere Kompakt-Sportler.

Der Franzose fährt sich, wie ein alter Sportwagen. Gemeint ist das als Kompliment: Man spührt jede Bewegung, erlebt die Fahrdynamik ungefiltert von Assistenzsystemen und Komfort-Features. Geschaltet wird manuell – ein Doppelkupplungsgetriebe gibt’s nichtmal gegen Aufpreis. Und in der Mittelkonsole findet man etwas, was bei deutschen Fabrikaten schon auf der Liste bedrohter Arten steht: Die mechanische Handbremse.

Nach einer Spritztour über die oberösterreichischen Landstraßen musste selbst Andi, unser Vanishing Point Werksfahrer, eingestehen: “Ja, der macht wirklich Spaß.” Ein Abarth 695 Brembo Koni hatte ihm wenige Wochen zuvor nur ein müdes “Mäh…” entlockt.

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Preis

Ein sportlicher Kompaktwagen muss leistbar sein. In der Basisversion kostet der Renault Mégane R.S. fast exakt gleichviel, wie der Golf GTI. Letzterem fehlen allerdings 45 PS und ein Sperrdifferenzial an der Vorderachse auf den Franzosen. Dafür mag er das eine oder andere elektronische Extra serienmäßig an Bord haben – das macht ihn allerdings weder schneller noch unterhaltsamer zu fahren.

Unser Testwagen war mit allem vollgeräumt, was die Optionsliste hergab. Viel ist das allerdings nicht…

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Driver’s Dream

Renault hat sich beim Mégane R.S. auf das beschränkt, was einen guten “Hot Hatch” ausmacht: Fahrspaß. Man hat den Eindruck, dass wirklich der Großteil des Kaufpreises dafür aufgewendet wird, den Megane schneller, agiler und vor allem spannender zu machen.

Der Mégane R.S. füllt damit eine Nische, in die sich die meisten deutschen Hersteller schon gar nicht mehr hineinwagen. Er ist Exot und doch Wolf im Schafspelz, kompromisslos und doch unscheinbar. Er ist die Evolution all dessen, was Renaults Motorsport-DNA ausmacht.

Und der Wahnsinn? Wo ist der?

Vielleicht ist der ein wenig auf der Strecke geblieben. Er wurde aber ersetzt durch etwas anderes: Ein geniales Fahrerlebnis.


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