Deep Blue

: Deep Blue

Am 11. Mai 1997 gewann IBMs Schachcomputer Deep Blue gegen den amtierenden Schachweltmeister Garry Kasparov. Es war das erste mal, dass sich ein Schachweltmeister einer Maschine geschlagen geben musste. Heute haben menschliche Schachspieler, egal wie gut sie sein mögen, kaum mehr eine Chance gegen elektronische Großmeister. Autofahren ist dagegen noch immer eine zutiefst menschliche Domäne.

Auch wenn wir in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Komponenten im Fahrzeug gegen intelligente Assistenzsysteme ausgetauscht haben – das eigentlich Fahren muss immer noch ein Führerscheinbesitzer aus Fleisch und Blut erledigen. Als wir die Ausstattungsliste unseres Infiniti Q50S Hybrid durchgehen, müssen wir uns aber fragen: “Warum eigentlich?”

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How long can it go?

Es ist nicht das erste Mal, dass wir uns am Steuer des Infiniti Q50S Hybrid finden. Schon beim offiziellen Launch-Termin der Mittelklasse-Limousine in Spanien waren wir dabei. Schon damals wurde uns das aktive Spurhaltesystem demonstriert. Auf einer schnurgeraden, abgesperrten Strecke – die Hände sollte man schön am Steuer lassen, sonst schimpfte gleich der Infiniti-Onkel am Beifahrersitz.

Wie es bei Presseterminen der Autobranche so üblich ist, konnte man zumindest am Abend bei ein paar Gläschen Wein mit Designern, Technikern und Produktmanagern plaudern. Wie das denn so sei, mit dem Active Lane Control, fragte ich den zuständigen Ingeneur. Wie lange man denn eigentlich die Hände vom Steuer nehmen könne, bevor das System den Dienst verweigern würde.

Die Aussage des Technikers: “I’m not sure. But I will check.”

He never did.

So we had to.

The Facts

Der Infiniti Q50 will dort hin, wo derzeit irgendwie alle hinwollen: Zum 3er BMW. Nissans Edelmarke fährt beim Q50 auch wirklich alles auf, was der Technologiebauchladen des “frankojapanischen” Autokonzerns hergibt: Die Lenkung ist ein “Drive-by-Wire”-System, Die Motorisierung ist (auf Wunsch) ein Hybrid, und der Antrieb findet über die hinteren beiden (oder gleich alle vier) Räder statt. All das haben wir uns aber schon zur Genüge angesehen.

Mehr-zum-Thema-Infiniti-Q50

Detour

Bevor wir die Selbstfahr-Eigenschaften des Infiniti Q50S Hybrid abklopfen konnten, kam eine kleine Umleitung in Form eines leerstehenden Kieswerks daher. Über 360 PS plus Allradantrieb – das sollte doch eigentlich auf Low-Grip-Surfaces jede Menge Spaß bringen.

Die einzige verwertbare Aussage, die ein paar Runden in der Schottergrube zulassen, ist aber nur, dass die blaue Lackierung unseres Infiniti Q50S Hybrid wirklich gut vor dem hellgrauen Hintergrund aus Stein und Sand aussieht.

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 All by itself

Auf der Autobahn ging es dann ans eingemachte. Wo genau liegen die Grenzen all der Fahrhilfen, die Infiniti im Q50 verbaut hat.

Adaptive Cruise Control

  • Tempomat, der automatisch abbremst, um Abstand zum Vordermann zu halten.
  • Funktioniert bis 180 km/h (höher lässt sich der Tempomat gar nicht einstellen)
  • Die Distanz, die der Wagen automatisch zum Vordermann hält, lässt sich nicht verändern – es gibt zwar ein paar Settings, die so aussehen, als sollten sie genau das bewirken, einen merklichen Unterschied machen sie aber nicht.
  • Das System verzögert den Wagen bis zum Stillstand. Das macht ihn für Stop-and-Go-Verkehr ausgesprochen komfortabel.

Drive-by-Wire

  • Voll-elektrische Lenkung, ohne mechanische Verbindung zwischen Lenkrad und Vorderrädern.
  • Die Leicht- bzw. Schwergängigkeit des Lenkrads lässt sich einstellen.
  • Der Lenkeinschlag ist geschwindigkeitsabhängig. Der Q50 fühlt sich damit bei sportlichem Fahren auf der Landstraße ausgesprochen synthetisch und etwas unberechenbar an.
  • Das Lenkrad gibt keinerlei Rückmeldung von der Straße.

Active Lane Control

  • Hält beim Fahren auf der Autobahn automatisch die Spur.
  • Funktioniert nur bei deutlich sichtbaren Straßenmarkierungen.
  • Funktioniert wunderbar in der Nacht, aber nicht zuverlässig bei starkem Regen.
  • Lenkbewegungen des Fahrers, die das Fahzeug aus der Spur führen würden, hält der Q50 mit einem recht starken Widerstand am Lenkrad entgegen. Setzt man vor einer derartigen Lenkbewegung den Blinker, wird das System vorübergehend deaktiviert, um einen sanften Spurwechsel zu ermöglichen.
  • Die maximale Lenkbewegung, die der Q50 selbständig ausführen kann, ist relativ gering. In sanften Autobahn-Kurven hält der Q50 noch brav die Spur, bei engeren Radien versucht das ALC zunächst mit einer etwas stärkeren Lenkbewegung zurück auf die Spur zu finden – bei wiederholtem Abgleiten an den Rand des Fahrstreifens deaktiviert sich das System.

Unter’m Strich kommt Active Lane Control, zusammen mit dem adaptiven Tempomaten, also schon ziemlich nah an das heran, was man als Autopilot für’s Auto bezeichnen könnte. Die eigentliche Frage ist aber noch nicht beantwortet: Wie lange kann man beim Infiniti Q50 denn nun wirklich die Hände vom Steuer nehmen.

Anscheinend so lange man will.

Man muss nicht einmal am Fahrersitz Platz nehmen…

Aftermath

Ein echter Autopilot ist das ALC noch nicht. Es bleibt aber das Gefühl, dass das weniger technische, als rechtliche Gründe hat. Selbst die maximale Lenkbewegung, die der Q50 zur Kurskorrektur verwendet, scheint definitiv ausbaufähig. Der Wagen könnte, so zumindest unser Eindruck, noch deutlich aktiver in die Spur eingreifen. Darf er aber nicht.

Ob durch derartige Systeme wirklich die Fahrsicherheit steigt? Wir sind uns da nicht so sicher. Gerade bei langen Autobahnfahrten beginnt man schnell sich auf das System zu verlassen. Man ertappt sich weitaus häufiger dabei, die Augen für längere Zeit von der Fahrbahn zu nehmen. Der Computer wird schon aufpassen.

So gesehen wäre es wohl wünschenswert, dass aktive Spurhaltesysteme wirklich so gut wären, wie es technisch möglich ist. Mit der aktuellen erhält man nämlich nur ein System, dass ein hohes Sicherheitsgefühl vermittelt, in realen Verkehrssituationen aber schnell an seine Grenzen stößt.

Noch sind die Fahrhilfen in Serienfahrzeugen also kein Ersatz für den menschlichen Fahrer. Aber Deep Blue hat Kasparov bekanntlich auch nicht beim ersten Match schachmatt gesetzt.



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