Mit dem Mietwagen durch die Kalahari – Teil 1

: Mit dem Mietwagen durch die Kalahari – Teil 1

In regelmäßigen Abständen sucht Vanishing Point nach Herausforderungen abseits von Dauerstau, Blitz-Marathon und Parkplatzsuche.   

Das ist die Challenge: Wir fahren mit einem gewöhnlichen Mietwagen von Kapstadt bis Johannesburg, allerdings nicht auf direktem Weg: Um es spannender zu machen, ist zuvor noch die Kalahari zu umrunden. Statt 1.400 Kilometer wären demnach also rund 7.000 Kilometer zurückzulegen.

Klarerweise gibt es für ein Auto mit nur einer angetriebenen Achse Grenzen, die wollen wir ausloten. Laut Karte ist etwas mehr als die Hälfte unserer Route asphaltiert, vor dem Rest steht ein großes Fragezeichen. In jedem Fall wird es auch ein Rennen gegen die Uhr, denn in exakt vier Wochen ist der Rückflug ab Johannesburg gebucht.

Die Route: Zunächst geht es schnurstracks nach Norden bis zur angolanischen Grenze, mitten durch die Wüste Namib. Von dort geht´s östlich am Sambesi entlang quer über den Afrikanischen Kontinent bis zu den Victoria Falls an der Grenze zwischen Simbabwe und Sambia. Von da führt die Route mit einem kleinen Abstecher zum Okavango-Delta wieder in Richtung Süden mit dem Ziel Johannesburg. Das zumindest ist der Plan…

 

Südafrika, Namibia und Botswana zählen zu den beliebtesten Reiseländern Afrikas, die Gründe dafür sind offensichtlich: Eine atemberaubend schöne und extreme vielseitige Naturlandschaft, ein relativ moderates Klima, die faszinierende und artenreiche Tier- und Pflanzenwelt sowie die hervorragend ausgebaute touristische Infrastruktur locken jährlich um die 11 Millionen Touristen in die drei Länder im südlichen Afrika. Und ja, abgesehen von einigen wenigen Gebieten ist Malaria hier ebenso wenig ein Thema wie verunreinigtes Trinkwasser oder verkeimte Nahrungsmittel – Afrika Light sozusagen.

 

 

Südafrika, Namibia und Botswana überzeugen aber auch mit einem gut ausgebauten Straßennetz, auf dem außerhalb der großen Metropolen praktisch nichts los ist. In Südafrika ist die Fahrzeugdichte ja noch relativ hoch, aber Namibia und Botswana sind mit ihren leeren Straßen großartige Refugien zum Autofahren.

In allen drei Ländern ist nur ein Teil des Straßennetzes asphaltiert. Bei geringer frequentierten Überlandstraßen handelt es sich zumeist um Schotterpisten, die allerdings regelmäßig gewartet werden und entsprechend gut zu befahren sind. Namibia und Botswana sind im Gegensatz zu Südafrika jedoch nur sehr dünn besiedelt und zu einem großen Teil von Wüste und Dornsavanne bedeckt, manche Nebenstraßen sind nur mit Allradantrieb zu bewältigen, und Karten machen zum Straßenzustand maximal eine allgemeine Aussage.

 

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Autos kann man in allen drei Ländern problemlos mieten und fahren, lediglich ein internationaler Führerschein ist erforderlich. Ein Visum benötigt man nur für Zimbabwe, das ganz einfach beim Grenzübertritt erteilt wird. Zur Einreise in die drei anderen drei Länder genügt ein gültiger Reisepass.

Penible Zeitgenossen können sich von einem Reiseveranstalter eine individuelle Route ausarbeiten lassen, bei der bereits alle Unterkünfte vor reserviert sind und nur noch termingerecht abgefahren werden müssen  – das ist uns natürlich zu langweilig. Außerdem haben wir von einem kleinen, aber feinen Unterschied gehört: Wer Namibia und Botswana als Selbstfahrer bereist, mietet sich in der Regel ein Allrad-Auto. Südafrika hingegen kann man problemlos mit einer konventionellen Limousine bereisen – und entsprechend fokussiert ist hier das Angebot der Autovermietungen. Wir wollen wissen, ob man in Südafrika ein banale Limo mieten und damit die Wüsten und Savannen Namibias und Botswanas durchqueren kann?

 

 

Die drei Länder im Südwesten Afrikas sind echte Leckerbissen für Autofahrer. Der entspannte Straßenverkehr, phantastische Scenic Drives und die vielen Wildtiere links und rechts der Straße – mitunter auch darauf – machen das Autofahren zu einem ungeahnten Vergnügen.  Zudem geht es hier auf den Straßen auch sehr gesittet zu, das auf dem Schwarzen Kontinent sonst umfassend praktizierte Asphalt-Kamikaze ist hier weitgehend unbekannt. Die Engländer haben dem Süden und Osten Afrikas Linksverkehr verordnet, und alle großen Autohersteller unterhalten in Südafrika  eigene Autowerke um von hier aus Kenia, Uganda, Tansania, Sambia, Malawi, Mosambik, Simbabwe, Botswana, Namibia und natürlich den größten Automarkt des Kontinents in Südafrika selbst zu beliefern. Jetzt aber Schluss mit dem öden Vorgeplänkel und runter ans Kap, let´s rock it!

 

Tropic of Capricorn

Etwas weniger als elf Stunden nach dem Start in Frankfurt landet der Airbus in Johannesburg, wir steigen um in eine Boeing der South African Aiways, die zwei Stunden später in Kapstadt landet. Zeitverschiebung ist beim Flug nach Südafrika glücklicherweise kein Thema, wir müssen die Uhren lediglich um eine Stunde vorstellen. Man vergisst das als Nordländer ganz gerne: auf der Südhalbkugel herrscht im Februar Spätsommer – umgekehrte Jahreszeiten! Nach dem Verlassen der miefigen Flugzeugkabine sparen wir uns den päpstlichen Kniefall: 26 Grad, strahlender Sonnenschein, ein wolkenloser Himmel, von der False Bay bläst eine rescher Südwind herüber und an der Straße blühen exotische Paradiesvogelblumen. Alles prächtig, nur der berühmte Tafelberg hüllt sich in eine dichten Wolkendecke.

Kapstadt hat sich irgendwie von allen schönen Städten dieser Welt eine Ecke abgeschaut: Hong Kong, L.A., Beverly Hills, Monte Carlo, Rio de Janeiro. Die südafrikanische Mother City zeigt sich von ihrer besten Seite und auch der Straßenverkehr ist moderat. Dennoch fallen uns schier die Augen raus, bald an jeder Ecke stehen schicke Schlitten herum: Porsche Cayman, BMW M3, Chevrolet Caprice SS, und flächendeckend die Mercedes C-Klasse, auf die stehen sie hier wohl besonders. Auch die lässigen 80er-Rostlauben in Bo-Kaap sind nicht schlecht, die Leute hier haben Geschmack: Datsun 280 ZX, VW Buggy, 911 G-Modell. Ein wunderschönes Strich Acht Coupé in seltenem Nelkengrün parkt vor Kapstadts Szenecafe Manhatten. Absolut adäquater Einstand für Car Guys.

 

 

Leider schränkt unsere Autovermietung in Kapstadt die Wahlmöglichkeiten stark ein, als wir unsere Route offenbaren. Mit einem von uns bevorzugten Midsize wie 3er BMW oder der Mercedes C-Klasse wollen sie uns nicht über die Grenze lassen. Also ein Compact. Der Hyundai Elantra, mit dem wir eine Runde um den Block fahren, hinterlässt einen armseligen Eindruck. Die Türen scheppern beim Zuschlagen wie die Deckel alter Blechmülltonnen und die Automatik führt ein vollkommen unabhängiges Eigenleben. Die Sitze sind zu kurz, überall billiges Plastik im Innenraum, und in den engen Kofferraum geht mein Koffer nur mit viel Nachdruck hinein – die Karre ist überhaupt vollkommen unproportioniert. Also damit fahren wir sicher nicht nach Namibia.

Aber da steht ja noch ein silberner Chevrolet Cruze mit Automatik, beigen Ledersitzen und Leichtmetallfelgen auf dem Hof. Die US-Limo hat zwar fast 50.000 Kilometer auf der Uhr, nehmen wir aber trotzdem: Massiger, zweigeteilter Chevy-Grill, lange Motorhaube und flach geneigte Frontscheibe, wuchtige Fahrzeugsilhouette und relativ große Überhänge  – der Cruze macht echt was her und wirkt dadurch auch wesentlich größer als er ist. Ja liebe Hyundai-Leute: Design und Stil sind uns sehr wichtig! Und wenn wir schon Gefahr laufen uns in der Wüste zu verirren, dann bitte in einem Fahrzeug, das uns in unseren letzten Stunden einigermaßen würdevoll zur Seite steht.

 

 

Am Mittag drehen wir eine erste Testrunde über die Kaphalbinsel, die tiefenentspannten Pinguine am Strand von Simonstown ignorieren penetrant die hysterischen Touristen. Am Kap der Guten Hoffnung endet die Straße spektakulär an den Klippen: Windstärke Zehn, fette Brandung und auf den Felsen liegen so kleine Teddybären herum, die Stachelkraut kauen. Eine Mischung aus Kaninchen, Eichhörnchen und Meerschweinchen. Streicheln lassen sich die südafrikanischen Murmeltiere aber nicht! Spektakuläre Kulisse mit Sonnenuntergang an der Camps Bay. Wir cruisen mit dem Cruze: Der Chevrolet passt wie angegossen und Kapstadt rockt sowieso!

 

Day 1 // Cape Town, ZA – Citrusdal, ZA

Das Gepäck ist am nächsten Morgen schnell verstaut, dann noch ein kurzer Boxenstop beim Supermarkt, wo wir den Chevy mit acht Fünfliterkanistern Frischwasser sowie Tonnen von Müsliriegeln und Obst beladen. Der Reservereifen hat Druck, Werkzeug ist auch an Bord, die Nummer der Autovermietung liegt im Handschuhfach. Von Maitland Park biegen wir nach Norden auf die Nationalstrasse 7 ein und ab geht die Post. Unser Cruze ist noch ein Serie 1-Modell, obwohl der kompakte Chevy bereits 2012 geliftet wurde. Die mittlere LT-Version war aber schon vorher opulent ausgestattet: ABS, elektronische Stabilitätskontrolle, Traktionskontrolle, Front-, Seiten- und Kopfairbags vorne, Servolenkung, elektronische Wegfahrsperre, Klimaanalage, CD-Radio, elektrische Fensterheber sowie höhenverstellbarer Fahrer- und Beifahrersitz.

Der Cruze ist kein waschechter Ami, vielmehr handelt es sich bei diesem Kompakten um einen regelrechten Weltenbummler: Auf GMs Delta II-Plattform stehen u.a. auch Opel/Vauxhall Astra, Chevrolet Volt und Cadillac ELR. Gebaut wird der Cruze bei GM´s Tochter Daewoo in Südkorea, aber auch in China, Russland, Vietnam, Brasilien, Thailand, Kasachstan und Australien. Bei Chevrolet denken die meisten zuerst an Corvette, Camaro oder Impala, aber der Cruze ist Chevrolets unangefochtener Kassenschlager. 2013 rangiert der Cruze mit fast 730.000 Einheiten auf Platz 5 der world´s best selling cars, und seit Ende 2008 wurden weltweit bereits mehr als zwei Millionen Cruze abgesetzt. Höchste Zeit also, Chevrolets Quotenbringer endlich mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

 

 

Unser Cruze hat den 1,8 Liter Ecotech von Opel mit 141 PS unter der Haube, in Verbindung mit der 6-Gang-Automatik stehen 190 km/h Top Speed in den Papieren. Ledersitze sind vielleicht nicht ganz optimal in der Kalahari, aber die Klimaanlage schaufelt souverän kalte Luft in den Innenraum und Colorverglasung hat er auch, also was soll´s.

 

Cederberg Mountains – Abwarten und Teetrinken

Die Nationalstrasse 7 läuft parallel zur Küste, aber rund 50 Kilometer landeinwärts. Vom Atlantik ist schon bald nichts mehr zu sehen, und die Vegetation wird auch immer karger. Die Straße ist von perfekter Qualität, allerdings sind relativ viele Trucks unterwegs. Die Cederberg Mountains, unser erstes Etappenziel, sind ein nahezu menschenleeres Eldorado für Naturliebhaber, Outlaws und Trekkingfreunde und warten auf mit beeindruckenden Felsformationen, spektakulären Wasserfällen und klaren Bergflüssen. Das warme Licht auf den rötlichen Bergflanken erzeugt eine besondere Magie, die Luft ist extrem klar.

 

 

Hier jagen noch Leoparde, die sind aber so scheu, dass sie kaum jemand zu Gesicht bekommt. Citrusdal am südwestlichen Rand der Cederberg Mountains ist die südafrikanische Hauptstadt der Zitrusfrüchte, eine typische Farm Town mit Supermarkt, Tankstelle und einer Handvoll Kneipen entlang der Hauptstraße. Wilder Westen? Könnte man meinen, jedenfalls aber Pickup-Country. Porsche und BMW ade. Wir übernachten auf der sehr empfehlenswerten Farm von Johnie und Karen Suikerbossie mitten in den Bergen, unten am Fluss haben die beiden gastfreundlichen Besitzer eine paradiesische Oase für Camper geschaffen, inklusive Badefloß, Tarzanseil und Paddelboot.

 

Day 2 // Citrusdal, ZA – Springbok, ZA

Gegen Mittag stoppen wir nochmal kurz auf eine Tasse Tee in Clanwilliam am nordwestlichen Fuß der Cederberg Mountains. Clanwilliam ist eine der ältesten Städte Südafrikas, aber noch schwerer wiegt die Reputation der Gemeinde als globales Zentrum des Rooibos-Teeanbaus. In Südafrika ist Rooibos-Tee nicht nur ein höchst beliebtes Alltagsgetränk, sondern wird auch zum Kochen und Backen verwendet sowie zur Herstellung von Kosmetik oder zum Färben der Haare.

 

Taubtrüber Ginst im Musenhain

Der bis zu zwei Meter hohe, ginsterartige Rotbusch wächst einzig und allein im Gebiet der Cedarberge, denn nur hier findet der empfindliche Strauch mit sandigen Böden und außergewöhnlich reiner Luft die perfekten Wachstumsbedingungen vor. Trotz der vielen Schatten spendenden Bäume entlang der Hauptstraße ist es ist wahnsinnig heiß, es weht kein bischen Wind, in der Sonne ist es kaum mehr zum Aushalten. Eigentlich extrem schräg, gerade jetzt eine heiße Tasse Tee zu trinken, die nach getrockneten Blättern mit erdiger Note schmeckt. Danach ist unser Durst leider nicht weniger groß, also bestellen wir uns jeder noch ein große Coke mit Eiswürfeln!

 

 

Von Osten her reichen bereits die Ausläufer der Kalahari an die Cedarberge heran. Wir fahren nach Norden geradewegs in die südafrikanische Wüste hinein, im Zeitraffer sinkt die Vegetation auf gefühlte Dichte Null. Der Himmel über uns ist riesig, rundherum verliert sich der Blick in der endlosen Weite der Wüste. Die Straße mitten durch diese archaische Urlandschaft ist befremdlich perfekt, andererseits bremsen uns Baustellen mit Ampelregelung bald alle zwanzig Kilometer. Da steht man schon mal eine viertel Stunde auf dem glühenden Asphalt.

Einmal gibt es eine gewaltige Detonation keine 700 Meter entfernt – der Bautrupp hat eben mal den halben Berg weggesprengt. Danach rät man uns zerknirrscht zum Umweg über die Feldwege, es liegt doch etwas mehr Berg auf der Straße als geplant. Am Beginn einer dieser Baustellen reicht uns die Lady mit der roten Singnalwimpel eine leere Colaflasche durch´s Fenster mit der Bitte, Sie der Kollegin am anderen Ende der Baustelle zu geben. Wir reichen die Flasche folgsam zum bestellten Refill durch, das scheint in dieser gottverlassene Gegend eine gängige Survival-Taktik zu sein.

 

 

Auf der ersten anspruchsvollen Sonderprüfung prügeln wir den Chevy dann 300 Kilometer Non-stop durch die Kalahari. Die Sonne knallt vom Himmel, kein Baum weit und breit, das Thermometer klettert stellenweise bis auf 46 Grad. Die Hersteller behaupten ja, ihre Autos halten das locker aus. Wir haben ihm heute erstmals richtig was abverlangt, aber der Chevy hat es ausgehalten. Amis sind ja eigentlich nicht so zum Schnellfahren gebaut, aber es ging ja fast immer geradeaus. Springbok ist ein vergessener Outpost in der nordwestlichen Ecke Südafrikas, eine pragmatisch organisierte Bergbaukolonie mit Tankstelle, Supermarkt und ein paar Restaurants mitten in der Wüste. Volltanken, Vorräte auffüllen und danach noch auf einen fettigen Burger mit viel Ketchup und matschigen Fritten in der Springbok Lodge auf der Haupstraße – Ready for today.

 

Day 3 // Springbok, ZA – Fish River Canyon, NA

Hier oben am nordwestlichen Ende Südafrikas leben kaum noch Menschen, und wenn, haben sie meist mit Diamanten zu tun. Entweder graben sie danach oder wachen darüber, dass keine “verloren“ gehen. Weiter nördlich markiert der Oranjefluß bereits die Grenze zu Namibia, am nördlichen Oranje-Ufer lagen früher Diamanten wie Kieselsteine herum. Hier betreibt De Beers eine der größten Diamantenminen Südafrikas, ein 26.000 Quadratkilometer großes Gebiet entlang der Küste von Oranjemund bis Lüderitz ist streng bewachtes Diamantensperrgebiet.

 

Nachdem sich die Diamantenförderung in den letzten Jahrzehnten aber immer stärker in Richtung des Oranje verlagert hat, wurde das Gebiet als Sperrgebiet–Nationalpark proklamiert. Für die Zukunft sind weitere Zugangserleichterungen für Besucher und sogar erste Tourismus-Einrichtungen geplant.

 

Welcome to Gondwana 

Bei Vioolsdrif überqueren wir die Grenze nach Namibia, links und rechts nur mehr Sandwüste mit einzelnen Felshaufen, alles ziemlich unverändert seit 250 Millionen Jahren. Eine der beiden Zöllnerinnen schläft völlig ungeniert hinterm Tresen, die andere ist schlecht gelaunt – möglicherweise deshalb. Wir fahren durch riesige Leere, stellenweise kann man siebzig, achtzig Kilometer weit sehen. Dank der Schäfchenwolken herrschen heute vergleichsweise moderate 40 Grad im Schatten. Seit bald fünfhundert Kilometern geht es immer nur geradeaus. Mit Vollgas im Tiefflug durch die Wüste, ab und zu kommt mal ein Laster entgegen, ab und zu ein Jeep. Autos wie unseres sehen wir allerdings immer seltener.

Kurz nach der Grenze war es das dann für´s Erste mit Apshaltstraßen, jetzt wird es interessant. Die namibischen Dirt Roads sind mitunter zehn Meter breit und bestehen aus fein gemahlenen Steinsplitt, darauf gleitet der Chevrolet problemlos dahin. Auch die gehen zumeist schön geradeaus, achten sollte man allerdings auf die in die Straße eingelassenen und mitunter erst spät erkennbaren Viehgatter aus Stahl –  armdicke, quer zur Fahrtrichtung verlegte Stahlrohre, die in Ergänzung mit den Zäunen so alle 100 Kilometer dafür sorgen, dass das Vieh nicht auf die benachbarte Farm schleicht und dort die wenigen Gräser wegfrißt.

 

 

 

Hinten am Auto schweift eine mächtige Staubwolke, es ist extrem heiß und trocken. Die Ventilatoren von Kühler und Klimaanlage laufen auf Dauerbetrieb. Die 200 Kilometer Schotterpiste mit Tempo 100 an einem Stück meistert der Chevy ohne Zicken, schlingert bei leichten Lenkbewegungen mitunter allerdings wie ein Fischkutter auf hoher See. Verrostete Autowracks aus den 50ern stehen mahnend am Straßenrand. Am späteren Nachmittag erreichen wir Ai-Ais an der Talsohle des Fish River Canyon. Mit etwa 160 km Länge, bis zu 27 km Breite und bis zu 550 Meter Tiefe ist der vom Fish River über 650 Millionen Jahre ausgewaschene Canyon der größte  Afrikas und nach dem Grand Canyon sogar der zweitgrößte Canyon der Erde.

 

 

Ai-Ais Hot Springs ist ein verschlafenes Nest der Luxus-Klasse. Auf die berühmten heißen Heilquellen haben wir bei 42 Grad im Schatten aber definitiv keine Lust. Der Chevy ist inzwischen völlig eingestaubt, seitliche Drifts in den Kurven machen extrem Spaß und auch bei hohem Tempo bleibt das Auto bei spontanen Richtungswechseln stabil. Der niedrige Schwerpunkt des Cruze ist da natürlich ein großer Vorteil. Wie wir immer wieder hören, haben bei derartigen Manövern am Steuer eines hochbeinigen 4×4 schon etliche Touristen die Kontrolle verloren und den ins Schlingern geratenen Pickup beinhart auf´s Dach gelegt.

 

 

Nach weiteren Stunden durch die unendlich weite und unvorstellbar heiße Leere erreichen wir am frühen Abend endlich das Canyon Roadhouse, die einzige Hütte weit und breit. Ja, hier leben Menschen! Die Tankstelle mit angeschlossener Lodge, Campingplatz und einer Oldtimern-Sammlung, deren Exponate sich in mehr oder weniger starkem Verfall befinden, ist bizarr. Der feudale Swimming Pool wirkt in dieser lebensfeindlichen Gegend fast ein wenig obszön, andererseits kann ein kleiner Dip ja nicht schaden. Inzwischen ist es auch soweit abgekühlt, dass wir uns nach dem Aufbauen des Zelts auf der Terrasse des Roadhouse noch einen dekadenten Longdrink gönnen können, ohne dass dieser sofort in der Gluthitze verdampft.

 

Die Wüste lebt

Nach der mörderischen Hitzeschlacht der letzten Tage steht der Chevy steht jetzt völlig eingestaubt neben unseren Zelt, aber alles im Grünen Bereich: die bisherigen Etappen haben sich fahrtechnisch als völlig unkompliziert erwiesen. Mit den staubtrockenen Schotterpisten hat der Fronttriebler null Probleme. Und auch die wenigen echten Offroad-Ausflüge meistert der Cruze souverän. Der Sand der Kalahari ist relativ grobkörnig und durch den stetigen Wind stark verdichtet und nahezu perfekt eingeebnet, darauf kann man prima fahren. Allerdings liegen abseits der Straße überall Felsbrocken herum und die vielen Dornbüsche machen das ganze etwas unübersichtlich. Böse Dornakazien – die klassische Reifenkiller in Afrika – finden sich bislang aber nur rund um das Canyon Roadhouse, und da fahren wir schön brav außen vorbei.

 

 

Die erste Nacht in der Wüste. Äußerst eigenartig: Desto weniger es zu fressen gibt, desto größer und zahlreicher mutieren hier die Insekten, ein Szenario bald wie im Horrorfilm: Groteske Stabheuschrecken, fette Flugkäfer und stattliche Motten stürzten sich Kamikaze-mäßig auf die wenigen das Areal erhellenden Lichtquellen und winden sich nach dem unweigerlichen Absturz in skurillen Verrenkungen. Wunderschöne Tiere, aber die monströsen Flug-und-Krabbel-Hybriden sind schon ziemlich spooky. Auf dem Weg zum Waschhaus taucht dann auch noch ein fetter Skorpion im Lichtkegel der Taschenlampe auf. War definitiv eine gute Idee vorher noch die Badelatschen anzuziehen!

To be continued…

 

 

 

MAP

 

 

 

 



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