Bis der Landarzt kommt

Sympathie ist sicher nicht die stärkste Charaktereigenschaft der Marke Porsche. Dieses Problem wächst sogar mit der Fahrzeugklasse: Den Boxter und Cayman sind noch ganz witzig, beim 911er beginnen schon die ersten die Nase zu rümpfen und spätestens beim Cayenne schlägt die Nadel auf der Arschlochskala bis zum Anschlag aus. Wo fällt also der Macan Turbo in dieses Beliebtheits-Ranking?

Eine eindeutige Antwort auf diese Frage fällt schwer. Der Macan stellt eigentlich Porsches massentauglichste Fahrzeugkreation bislang dar: Der Einstiegspreis für den Macan S Diesel (die günstigste Variante) liegt mit 67.344,84 Euro in Österreich fast 15.000 Euro unter dem Chayenne. Ein richtiger Volksporsche also – zumindest wenn man unter “Volk” Banker, Großunternehmer und Wirtschaftsbosse versteht. Der Macan macht – in der kleinsten Motorvariante – also so etwas wie “protzen mit Understatement”.

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Am anderen Ende des Macan-Spektrums steht der Macan Turbo. 400 PS, eingepackt in ein dynamisch anmutendes SUV-Kleidchen. Understatement gibt’s auch hier: Dem Macan Turbo sieht man seine mehr als ernstzunehmende Performance wirklich nicht an. Und er wirkt weitaus weniger bedrohlich wie ein Chayenne.

Technische Daten: Porsche Macan Turbo

Motor
Motorlage: Frontmotor / Allradantrieb
Zylinderzahl: 6
Hubraum: 3.604 cm³
Leistung: 294 kW (400 PS) bei 6.000 1/min
Max. Drehmoment: 550 Nm bei 1.350 – 4.500 1/min

Fahrleistungen
Höchstgeschwindigkeit: 266 km/h
Beschleunigung 0 – 100 km/h: 4,8 s
Durchzugsbeschleunigung (80 – 120 km/h): 3,1 s

Karosserie
Länge: 4.699 mm
Breite: 1.923 mm
Höhe: 1.624 mm
Radstand: 2.807 mm
Luftwiderstandsbeiwert (Cw): 0,36
Leergewicht: 2.000 kg
Zul. Gesamtgewicht: 2.550 kg

Füllmengen
Kofferraumvolumen: 500 l / 1.500 l
Tankinhalt: 75 l

Verbrauch
Innerorts: 11,8 – 11,5 l/100 km
Außerorts: 7,8 – 7,5 l/100 km
Kombiniert: 9,2 – 8,9 l/100 km
Verbrauch im Test: 11,5 l/100 km
CO2-Emission g/km: 216 – 208 l/100 km

Ultimate Allrounder

Blickt man auf’s Datenblatt des Macan Turbo, kommt einem schnell der Gedanke, dass Porsche hier wirklich versucht hat, einen echten Allrounder zu schaffen. Der Macan Turbo verspricht alles: Die Leistung eines Sportwagens, den Komfort einer Luxuslimousine, die Vielseitigkeit eines Geländewagens und das Image einer deutschen Premiummarke.

Sowas geht fast immer schief.

Doch Porsche hat den perfekten Klebstoff gefunden, um all diese Ansprüche zu einem homogenen Gesamtwerk zusammenzuschweißen: Eine großzügige Portion Wahnsinn.

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Perfect Looks

Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Beim Macan dürften die Meinungen aber nicht allzu weit auseinander gehen. Selten trifft man ein Fahrzeug, das Vertretern aller Alters- und Geschlechtergruppen derart einheitlich gut gefällt. Der Macan sieht gut aus, ohne aufdringlich zu sein.

Da lobe ich ihn also, den Macan Turbo. Dabei bin ich doch eigentlich kein großer Fan von SUVs…

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Der mit den Wölfen tanzt

Preislich zieht Porsche beim Macan Turbo die Samthandschuhe aus. Ohne jegliches Extra liegt der Preis (in Österreich) bei 98.839,80 Euro. Unser Testwagen kommt – ausgestattet mit allerlei Tierhäuten, Speziallacken und Elektronikwundern – auf über 125.000 Euro. Damit bewegt sich der Macan Turbo damit in einer Region, wo er sich nicht mehr vor der Konkurrenz verstecken kann. “Ich bin doch nur ein kleiner SUV” gilt als Argument nicht, wenn man sechsstellige Beträge für einen ablegt.

Verstecken muss sich der Macan Turbo nicht. Wir rätseln zwar noch immer, wie Porsche das eigentlich hinbekommen hat, aber der 400-PS-Macan fährt sich wie ein Sportwagen. Trotz 2 Tonnen Lebendgewicht. Es würde uns nicht wundern, wenn wir im Entwicklerteam des Fahrwerks neben Mechanikern und Elektronikspezialisten auch den einen oder anderen Schamanen finden würden.

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Auf allen Vieren

Mit verantwortlich für das sportliche Handling ist der ausgesprochen hecklastige Allradantrieb des Macan. Auf losem Untergrund kommt das Heck mühelos und bleibt – unterstützt von diversen Elektronikhelfern in Differenzial- und ESP-Systemen – unglaublich leicht beherrschbar. Selbst ein Sonntagsfahrer ohne Rallyeambition kann den Macan Turbo im Allraddrift durch die Kurve schieben – ohne Risiko einer Kaltverformung.

Dank des höhenregulierbaren Fahrwerks kann sich der Macan sogar in leichtes Offroad-Gelände vor wagen. Hier überrascht der Macan – mehr Bodenfreiheit als erwartet, und erstaunlich guter Geländegrip trotz Sportbereifung. Die kurzen Überhänge verhindern, dass man sich bei der ersten Böschung gleich die Frontlippe abreißt.

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Dreamcar in Disguise

Was der Porsche Macan Turbo eigentlich ist? Ein Traumwagen, dem man das aber nicht ansieht. Er ist der vielleicht perfekteste Allrounder, der mir bisher untergekommen ist. Natürlich sollte man eigentlich nichts Geringeres erwarten – angesichts seines Preises.

Die generelle Aversion, die viele Autofans gegenüber SUVs haben, sollte man beim Macan Turbo ablegen. Das hier ist genau das Auto, das wir uns als Teenager immer gewünscht hätten. Die eierlegende Wollmilchsau. Vor 20 Jahren wäre ein Auto wie dieses der ultimative Joker jedes Supertrumpf-Quartetts gewesen.

Doch wo findet man nun den Macan Turbo auf der Sympatieskala?

Man findet ihn dort gar nicht. Er ist das Equlivalent eines Lausbuben aus der vierten Klasse, der immer die besten Ideen hat, wo man nicht überall einen Schweizer Kracher reinwerfen könnte. Und dich dann stehen lässt, wenn dir der Briefkasten des Nachbarn um die Ohren fliegt.

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