The Age of Horses

: The Age of Horses

New York, 1898. Die futuristische Skyline und “unendliche Möglichkeiten” zogen Einwanderer aus der ganzen Welt an. Es war eine Metropole, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte. Für die erste internationale Konferenz für Stadtplanung gab es gar keinen besseren Veranstaltungsort. Diskussionen über Wohnbau, Infrastruktur oder wirtschaftliche Entwicklung führte jedoch kaum jemand. Großstädte in den USA und Europa litten unter einer viel schwereren Last: Auf den Straßen türmten sich tausende Tonnen an Pferdemist.

Das Pferd war Ende des 19. Jahrhunderts integraler Bestandteil des Güterverkehrs in den Städten. Dampflokomotiven hatten Überlandtransporte per Pferd zwar Großteils abgelöst, um die Waren vom Bahnhof zu ihrer urbanen Enddestination zu transportieren, gab es aber keine Alternative zum Pferdekarren. Im Gegenteil: Der Siegeszug der Eisenbahn löste einen Boom städtischer Pferde-Fuhrwerke aus, da nun noch mehr Waren noch billiger und noch schneller in die Städte transportiert werden konnten.

West-Street-New-York-City-1901

All the Things

Der Bedarf an Waren wuchs stetig. Zum einen vervielfachte sich die Bevölkerungsdichte (in New York von 39.183 pro Quadratmeile im Jahr 1800 auf 90.366 pro Quadratmeile im Jahr 1900), zum anderen konnten sich die Bewohner auch immer mehr leisten. Das Durchschnittseinkommen der US-Bürger stieg von 1800 bis 1900 um mehr als 400 Prozent. In den expandierenden Metropolen Amerikas war das Wachstum gewaltig: Von 1870 bis 1900 wuchs die Zahl der Fuhrwerke um 328 Prozent, während sich die Bevölkerung “nur” verdoppelte.

Das Wachstum der Pferdepopulation übertraf sogar den rapiden Anstieg menschlicher Stadtbewohner. Die Straßen waren ein Meer aus Pferden, und deren Exkrementen. Die vierbeinigen Arbeitstiere produzierten Mist schneller, als ihn die hoffnungslos überforderte Straßenreinigung (erneut per Pferd) aus der Stadt bringen konnte.

Seitenstraße in Warwick, die fast vollständig mit Pferdemist bedeckt ist. (Quelle: Library of Congress, 1896)

Seitenstraße in Warwick, die fast vollständig mit Pferdemist bedeckt ist. (Quelle: Library of Congress, 1893)

Cities of Dirt

New York und Brooklyn zählt 1880, lange vor dem Erreichen des Zenits der Pferdepopulation, rund 175.000 Pferde. Jedes von ihnen benötigte nicht nur rund zwei Tonnen Nahrung pro Jahr – weil das was vorne reingeht früher oder später eben auch hinten rauskommt, landeten jedes Jahr auch 55 Millionen Liter Pferde-Urin und 2.000 Tonnen Pferdemist auf den Straßen. Der Gestank war allgegenwärtig, urbane Straßen stellten ein Minenfeld für Fußgänger dar. Wohlhabende New Yorker nahmen daher gerne die Dienste eines “Crossing Sweepers” in Anspruch, der die schlimmsten Tretminen vor der Querung gegen Gebühr entfernte.

Betroffen waren auch andere Großstädte. 1894 rechnete etwa die Times of London, dass sich bis zum Jahr 1950 der Pferdemist in jeder Straße der Stadt drei Meter hoch türmen werde, wenn nicht drastische Maßnahmen ergriffen würden. In New York sollte nach Hochrechnungen von 1890 der Mist im Jahr 1930 sogar bis zum dritten Stock des Empire State Building reichen.

Eine Lösung war nicht in Sicht. Über Jahrtausende war das Pferd zur dominanten Transportmethode für Personen und Güter gewachsen. Ohne das Pferd würden Städte im wahrsten Sinne des Wortes verhungern – selbst wenn das bedeutete, dass sie dabei in Pferdemist erstickten.

Das zum Himmel stinkende Problem war für die Teilnehmer der ersten Stadtplanungskonferenz unlösbar. Bereits nach drei Tagen, und nicht erst wie vorgesehen nach zehn, brach man die Konferenz ergebnislos ab.

Street-Cleaning-Cartoon

Philadelphia street in 1897

Straße in Philadelphia, 1897, mit schienengeführtem Omnibus

Omnibus

Die ersten öffentlichen Verkehrsmittel verschlimmerten die Pferdesituation in den Städten sogar weiter. Vor dem 19. Jahrhundert bewegten sich Bewohner fast ausschließlich zu Fuß durch die Stadt. Kutschen waren das Transportmittel der privilegierten Oberschicht. Das änderte sich in den 1820er Jahren mit er Einführung der “Omnibusse” – riesige Kutschen, die auf festgelegten Routen die Stadt durchquerten. Eine typische Omnibus-Linie in New York benötigte 11 bis 15 Pferde pro Tag. Die neue Bewegungsfreiheit kam an: 1890 fuhr im Schnitt jeder New Yorker 297 mal pro Jahr mit pferdegezogenen Omnibussen.

Urbane Pferde waren eine Gefahr für Leib und Leben in der Stadt. 1900 starben 200 Menschen in New York bei Zusammenstößen mit Pferden und Pferdefuhrwerken. Damit war die Rate tödlicher Verkehrsunfälle pro Kopf vor 115 Jahren fast doppelt so hoch wie heute!

Durchgehende Pferde, skrupellose Kutscher und die mieserrable “Straßenlage” der meisten Kutschen und beschlagener Pferde waren nicht die einzigen Gründe für die lebensgefährliche Verkehrssituation. Verkehrsregeln waren entweder noch nicht vorhanden, oder wurden ignoriert. Das Chaos auf den Straßen war enorm und wurde von vielen Zeitgenossen als “Wirtshausschlägerei” beschrieben.

The close of a career in New York 1900to1906

Blood, Sweat and Dead Horses

Den größten Preis bezahlten die Pferde selbst. Weil Grund in der Stadt teuer war, versuchten Ställe so viele Pferde wie möglich auf engem Raum unterzubringen. Oft blieb jedem Pferd gerade so viel Platz, um nicht umfallen zu können. Die “laufenden Kosten” eines Pferdes überwogen in der Stadt trotzdem den Kaufpreis. Fuhrunternehmer verschlissen ihre Pferde meist – die durchschnittliche Lebenserwartung eines Stadtpferdes im Fuhrgewerbe betrug in New York 1900 nur zwei Jahre.

Verletzte oder schwer gestürzte Pferde wurden von ihren Besitzern meist einfach auf der Straße liegen gelassen. 1880 mussten im Big Apple 15.000 tote Pferde von den Straßen entfernt werden.

Die Gesundheitssituation der Pferde gefährdete mitunter sogar Menschenleben: Der historische Großbrand in Boston 1872, der fast die gesamte Innenstadt vernichtete, konnte sich vor allem deshalb so schnell ausbreiten, weil nicht genug gesunde, starke Pferde zur Verfügung standen, um die schweren Löschwagen zu ziehen.

pferdepopulation-USA

…still better than Horses

Im Jahr 1900 wurden in den USA insgesamt gerade einmal 4.192 Automobile verkauft. Ihnen standen 21 Millionen US-Pferde und -Maultiere gegenüber. Nur 12 Jahre später zeigte eine Verkehrszählung in New York erstmals mehr Autos als Pferde auf der Straße. Es war dabei weniger die Begeisterung für das Kraftfahrzeug, die den Niedergang der Pferde-Industrie besiegelte, sondern die unerträglichen Zustände, die eine Stadt voller Pferde verursachten. Im Gegenteil: Viele frühe Autofahrer hassten ihr Fahrzeug – und zogen es trozdem dem Pferd vor.

Die Autoindustrie, die heute fast 90 Millionen Fahrzeuge pro Jahr produziert, hat ihre Anfänge damit weniger dem technischen Fortschritt zu verdanken, sondern einem gigantischen Haufen an Pferdemist.

Quellen: http://photosofwar.net http://archiveglobal.org http://waterandpower.org, https://theblobologist.wordpress.com, http://usslave.blogspot.co.at, Library of Congress, Wikipedia



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