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Das "unsichtbare Auto" des Filmes war ein Mercedes-Benz 450SEC mit einem Kamera-Rig.

Das “unsichtbare Auto” des Filmes war ein Mercedes-Benz 450SEC mit einem Kamera-Rig.

Lange bevor die erste GoPro die Selbstdenunziation orndungswidrigen Verkehrsverhaltens zur YouTube-Sportart machte oder die filmische Dokumentation von Verkehrsunfällen in Russland zum Nationalhobby avancierte, konnte man vorsätzliche Geschwindigkeitsübertretung noch als subversives Kunstprojekt verkaufen.

Inhalt des Filmes, der als Vertreter des cinéma-vérité gilt: Ein Auto fährt mit hohem Tempo quer durch Paris. Gefilmt wurde der Run ohne Schnitt in einem einzigen Take. Eine Genehmigung hatte man dafür selbstverständlich nicht – auf der Straßen tummelt sich daher der übliche Morgenverkehr.

Heute hätte der Kurzfilm “C’était un rendez-vous” vermutlich einen anderen Titel – “Irrer Raser jagt mit Tempo 200 quer durch Paris” oder “You won’t believe what this movie director did after winning two Oscars!!!”. Die Chancen damit in den Programmkinos zu landen, wären ausgesprochen gering.

Als der französische Regisseur Claude Lelouch im August 1976 seinen 8 Minuten und 38 Sekunden langen Kurzfilm produzierte, hatte er bereits eine Goldene Palme und zwei Oscars gewonnen. Er wollte eine Fahrt quer durch Paris aus Sicht des Autos filmen. Die Kamera montierte er dazu in der Höhe der Stoßstange.

Als Auto kam sein eigener Mercedes-Benz 450SEL mit 6,9-Liter-V8-Motor zum Einsatz. Primär nicht wegen seiner Leistung von 286 PS, sondern seinem Luftfahrwerk, das die Kamera nahezu perfekt stabilisierte und Vibrationen aus der Straße wegfilterte.

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Mythos und Realität

Rund um C’était un rendez-vous entstand über die Jahre ein regelrechter Mythos. Angeblich soll ein Formel-1-Fahrer am Steuer gesessen haben. Die Wahrheit ist allerdings deutlich banaler: Lelouch saß selbst am Steuer, mit ihm waren noch zwei weitere Personen im Fahrzeug, die von innen die Kamera bedienten.

Lelouch selbst gab an, deutlich über 200 km/h gefahren zu sein. In Wahrheit waren es jedoch maximal 140 km/h. Die Durchschnittsgeschwindigkeit auf der 10,42 Kilometer langen Strecke betrug 77 km/h.

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Die Route legte Lelouch relativ spontan fest. Nur an einer Stelle – hinter dem Torbogen beim Louvre – wurde ein Spähposten mit Funkgerät stationiert. Das war, so Lelouch, “die einzige uneinsehbare Kreuzung”. Der Kollege mit Walkie-Talkie sollte ihn daher vor kommendem Verkehr warnen. Wie sich nach dem Dreh herausstellte, war das Funkgerät allerdings defekt – Lelouch hätte also gar nicht gewarnt werden können.

Mehrmals musste Lelouch von der geplanten Route abweichen. Seine größte Sorge war, nicht innerhalb von 10 Minuten sein Ziel zu erreichen – das war die Laufzeit der 1000-Fuß-Filmrolle der Kamera.

Der Soundtrack des Films stammt nicht vom Originalfahrzeug. Um die Dramaturgie noch zu steigern entschied man sich, den Klang eines Ferrari 275 GTB nachzuvertonen.

Restauriert in HD-Auflösung

Dank des kleinen Labels Spirit Level Film wurde das analoge Originalmaterial vor einigen Jahren digitalisiert. Wer den Film in seiner gesamten Länge in HD-Auflösung sehen möchte, kann auf der Website von Spirit Level Film die Blu-ray ordern.


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